Doppelte Perfekt- und Plusquamperfektbildungen
Allgemeines zum Variantenphänomen
Bei doppelten Perfekt- bzw. Plusquamperfektbildungen handelt es sich um Fügungen, die aus dem Präsens (Doppelperfekt) oder aus dem Präteritum (Doppelplusquamperfekt) der Hilfsverben haben oder sein, dem Partizip II (Partizip Perfekt) eines Vollverbs und dem Partizip II des jeweiligen Hilfsverbs gebildet werden.<ref>Vgl. Ammann, Andreas (2005): Abbau und Anschwemmung. Doppelte Perfektformen und Grammatikalisierung im deutschen Tempussystem. In: Mortelmans, Tanja / Leuschner, Torsten / De Groot, Sarah (Hrsg.): Grammatikalisierung im Deutschen. Berlin: de Gruyter, S. 251–275.
Duden (2016): Die Grammatik. Unentbehrlich für richtiges Deutsch. 9., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage. Berlin: Dudenverlag (= Band 4), S. 473.</ref>
- Doppelperfekt
- Die Stadt selbst haben sie bereits besichtigt gehabt [...]. (Kleine Zeitung, Steiermark und Kärnten).
- Die wertvollen Materialien sind über viele Jahrzehnte vergessen gewesen, aber sie haben überlebt. (Volksstimme).
- Doppelplusquamperfekt
- Der Gemeinderat hatte 60.000 Euro dafür im Haushalt eingeplant gehabt. (Augsburger Allgemeine).
- Der gesuchte Unfallverursacher war offenbar [...] durch ein Telefonat abgelenkt gewesen. (Kronen Zeitung, Steiermark und Kärnten).
In der Fachliteratur wird angenommen, dass doppelte Perfekt- bzw. Plusquamperfektbildungen ein Merkmal des Mündlichen sind und in geschriebener Standardsprache nur sehr selten vorkommen.<ref>Vgl. Hennig, Mathilde (2000): Tempus und Temporalität in geschriebenen und gesprochenen Texten. Tübingen: Niemeyer.
Litvinov, Viktor / Radčenko, Vladimir (1998): Doppelte Perfektbildungen in der deutschen Literatursprache. Tübingen: Stauffenburg.</ref> Auch wird davon ausgegangen, dass die Doppelperfektformen im Süden des deutschsprachigen Raums gehäuft vorkommen.<ref>Abraham, Werner (1991): Aktionsartsemantik und Auxiliarisierung im Deutschen. In: Feldbusch, Elisabeth (Hrsg.): Neue Fragen der Linguistik. Akten des 25. Linguistischen Kolloquiums in Paderborn 1986. Band 1: Bestand und Entwicklung. Tübingen: Niemeyer, S. 125–133.
Ammann, Andreas (2005): Abbau und Anschwemmung. Doppelte Perfektformen und Grammatikalisierung im deutschen Tempussystem. In: Mortelmans, Tanja / Leuschner, Torsten / De Groot, Sarah (Hrsg.): Grammatikalisierung im Deutschen. Berlin: de Gruyter, S. 251–275.</ref> Da sich die areale Verteilung und die Häufigkeit je nach verwendetem Hilfsverb (haben / sein) unterscheiden, werden diese Fälle im Folgenden getrennt voneinander betrachtet.
Doppelperfekt und Doppelplusquamperfekt mit haben
Die doppelten Perfekt- bzw. Plusquamperfektformen ermöglichen es im Falle des Hilfsverbs haben, auf (noch) weiter Zurückliegendes zu verweisen. Sie drücken also chronologische Bezüge aus (hier angedeutet durch das Symbol ←):
- Unter der Hand aber erzählen die einen von 30 Prozent mehr Einnahmen am ersten Wochenende, die anderen sagen, sie hätten schon am Mittwoch so viel eingenommen gehabt wie sonst während des gesamten Fests. (Frankenpost). (Einnahmen am Mittwoch ← Einnahmen am ersten Wochenende ← Zeitpunkt des Erzählens)
Damit einher geht die Funktion, Vorgänge oder Zustände aus einer vergangenen Perspektive als definitiv abgeschlossen (resultativ) darzustellen. Durch die doppelten Perfekt- und Plusquamperfektformen wird dies deutlicher als durch einfache Perfekt- und Plusquamperfektformen zum Ausdruck gebracht.<ref>Ammann, Andreas (2005): Abbau und Anschwemmung. Doppelte Perfektformen und Grammatikalisierung im deutschen Tempussystem. In: Mortelmans, Tanja / Leuschner, Torsten / De Groot, Sarah (Hrsg.): Grammatikalisierung im Deutschen. Berlin: de Gruyter, S. 251–275.</ref> Grundsätzlich wird durch die Verwendung der doppelten Perfekt- und Plusquamperfektformen also die Vollendetheit bzw. die zeitliche Abgeschlossenheit eines ausgedrückten Sachverhalts hervorgehoben:
- Als die Beamten, die das Telefon der Angeklagten überwacht hatten, ihre Wohnung durchsuchten, fanden sie nichts. Denn die 44-Jährige hatte am Abend zuvor das Geld wieder bei ihrer Schwester deponiert gehabt. (Stuttgarter Zeitung).
Areale Variation
Frequenzangaben
| Die prozentualen Werte entsprechen der relativen Auftretenshäufigkeit einer Variante innerhalb eines Sprachareals. | |
| sporadisch | 4% und weniger |
| kommt (selten) vor | 5%–20% |
| gebräuchlich | 21%–50% |
| üblich / mehrheitlich | 51%–95% |
| (fast) ausnahmslos | 96%–100% |
| * | unter Schwellenwert (absolute Belegzahl) |
Arealkürzel
|
A: Österreich
Vorarlberg (Vbg.), Tirol (inkl. Osttirol) (Tir.), Bezirk Zell am See/"Pinzgau" (Bundesland Salzburg)
Oberösterreich, Bundesland Salzburg (ohne
Kärnten, Steiermark
Wien, Niederösterreich, Burgenland BELG: Belgien
Rheinpfalz (Rheinland-Pfalz), Saarland, Baden-Württemberg
Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz (ohne Region Rheinpfalz), Hessen
Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen, Niedersachsen
Brandenburg (ohne Region Niederlausitz), Mecklenburg-Vorpommern, Berlin, alter Bezirk Magdeburg (Sachsen-Anhalt)
Sachsen, Thüringen, Region Niederlausitz (Brandenburg), alter Bezirk Halle (Saale) (Sachsen-Anhalt)
Bayern LIE: Liechtenstein |
Die Annahme in der Fachliteratur, dass doppelte Perfekt- bzw. Plusquamperfektbildungen allgemein ein Merkmal des Mündlichen sind und in geschriebener Standardsprache eher im Süden des Sprachgebiets vorkommen,<ref>Vgl. Abraham, Werner (1991): Aktionsartsemantik und Auxiliarisierung im Deutschen. In: Feldbusch, Elisabeth (Hrsg.): Neue Fragen der Linguistik. Akten des 25. Linguistischen Kolloquiums in Paderborn 1986. Band 1: Bestand und Entwicklung. Tübingen: Niemeyer, S. 125–133.
Ammann, Andreas (2005): Abbau und Anschwemmung. Doppelte Perfektformen und Grammatikalisierung im deutschen Tempussystem. In: Mortelmans, Tanja / Leuschner, Torsten / De Groot, Sarah (Hrsg.): Grammatikalisierung im Deutschen. Berlin: de Gruyter, S. 251–275.
Hennig, Mathilde (2000): Tempus und Temporalität in geschriebenen und gesprochenen Texten. Tübingen: Niemeyer.
Litvinov, Viktor / Radčenko, Vladimir (1998): Doppelte Perfektbildungen in der deutschen Literatursprache. Tübingen: Stauffenburg.</ref> kann durch die Variantengrammatik weitgehend bestätigt werden: Doppelte Perfekt- und Plusquamperfektformen mit dem Hilfsverb haben sind in der schriftlichen Standardsprache insgesamt betrachtet zwar selten, sie kommen aber in A-südost, D-süd und D-mittelost vor.
Beispielbelege
- Das Duo hatte sich auf Hand- und Brieftaschen sowie auf Mobiltelefone spezialisiert gehabt, der Kraftfahrer hatte sich als Hehler betätigt. (Kleine Zeitung, Steiermark und Kärnten).
- Philipp K. zeigte sich in diesem Zusammenhang überzeugt, dass auch sein älterer Freund Oliver D., den er zu sich eingeladen gehabt hatte, zu diesem Zeitpunkt in der Wohnung und "dabei" war. (Kleine Zeitung, Steiermark und Kärnten).
- Im Mai 2011 hatte er sich verletzt gehabt und später bei einer Polizeikontrolle behauptet, die Polizisten hätten ihm die Verletzung zugefügt. (Südkurier).
- Ersten Erkenntnissen zufolge hatte sich das Sicherheitsventil der Gasflasche geöffnet gehabt. (Thüringer Allgemeine).
- Allerdings gestalten sich die Kosten etwas höher, als vom Planungsbüro voriges Jahr veranschlagt. Der Gemeinderat hatte 60000 Euro dafür im Haushalt eingeplant gehabt. (Augsburger Allgemeine).
Karte und Frequenztabelle
| Arealkürzel |
|---|
|
A: Österreich
Vorarlberg (Vbg.), Tirol (inkl. Osttirol) (Tir.), Bezirk Zell am See/"Pinzgau" (Bundesland Salzburg)
Oberösterreich, Bundesland Salzburg (ohne
Kärnten, Steiermark
Wien, Niederösterreich, Burgenland BELG: Belgien
Rheinpfalz (Rheinland-Pfalz), Saarland, Baden-Württemberg
Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz (ohne Region Rheinpfalz), Hessen
Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen, Niedersachsen
Brandenburg (ohne Region Niederlausitz), Mecklenburg-Vorpommern, Berlin, alter Bezirk Magdeburg (Sachsen-Anhalt)
Sachsen, Thüringen, Region Niederlausitz (Brandenburg), alter Bezirk Halle (Saale) (Sachsen-Anhalt)
Bayern LIE: Liechtenstein |
| Spezielle Markierungen und Abkürzungen |
|---|
Nähere Angaben zu den festgelegten Schwellenwerten finden sich hier. |
| Korpus und Quellen |
|---|
|
Das untersuchte Korpus umfasst knapp 600 Mio. Wörter und enthält Texte aus 68 Zeitungen des zusammenhängenden deutschsprachigen Raums (Zeitraum: 2000-2013). Für weitere Informationen zum Korpus, zum statistischen Vorgehen sowie zu den analysierten Zeitungen siehe hier. |
| Rundungsdifferenzen |
|---|
| Es können Rundungsdifferenzen auftreten, in solchen Fällen ergibt die Summe der Prozentzahlen in einer Tabelle nicht genau 100%. |
| Areal | Doppelperfekt und -plusquamperfekt mit haben |
|---|---|
| STIR | - |
| LUX | - |
| A-ost | 6% (u.S.) |
| LIE | 29% (u.S.) |
| BELG | 7% (u.S.) |
| A-west | 7% (u.S.) |
| D-mittelwest | 1% (u.S.) |
| CH | 4% (u.S.) |
| A-mitte | 8% (u.S.) |
| D-nordost | 2% (u.S.) |
| D-nordwest | 3% (u.S.) |
| A-südost | 14% |
| D-mittelost | 5% |
| D-südwest | 8% |
| D-südost | 5% |
Abbildung und Tabelle 1: Relative Auftretenshäufigkeit von Doppelperfekt und -plusquamperfekt mit haben innerhalb der einzelnen Areale im Verhältnis zum Gesamtvorkommen in allen Arealen (in %)
Doppelperfekt und Doppelplusquamperfekt mit sein
Doppelperfekt- und Doppelplusquamperfektformen mit sein liegen dann vor, wenn – wie bei dem Verb bleiben z. B. der Fall – die Perfektbildung des betreffenden Verbs mit dem Hilfsverb sein erfolgt (z. B. ist geblieben):
- Er ist in der Schule geblieben. (Perfekt)
- Er war in der Schule geblieben. (Plusquamperfekt)
- Er ist in der Schule geblieben gewesen. (Doppeltes Perfekt)
- Er war in der Schule geblieben gewesen. (Doppeltes Plusquamperfekt)
In der schriftlichen Standardsprache können solche Formen durch die Variantengrammatik nicht nachgewiesen werden.
Einzelnachweise
<references />
Weiterführende Literatur
- Heinold, Simone (2015): Tempus, Modus und Aspekt im Deutschen. Ein Studienbuch. Tübingen: Narr (= Narr Studienbücher).
- Rödel, Michael (2007): Doppelte Perfektbildungen und die Organisation von Tempus im Deutschen. Tübingen: Stauffenburg (= Studien zur deutschen Grammatik, Band 74).
Siehe auch
- Grundlagenartikel: Flexion (oder direkt Unterkapitel Verbalflexion)
Verfasst von Elisabeth Scherr