werden / tun + Infinitiv-Konstruktionen im Konjunktiv
Allgemeines zum Variantenphänomen
Im Deutschen gibt es die Möglichkeit, neben regulär gebildeten Konjunktiv Präteritum-Formen (Sie sagten, sie spielten schon seit Jahren Klavier. Wäre ich Millionär, gäbe ich mein Geld den Armen.) auch mehrteilige Verbformen mit Konjunktiv Präteritum-Formen der Verben werden und tun, jeweils gefolgt von einem Infinitiv, zu verwenden: Die familiäre Ursprünglichkeit würde aber verloren gehen. (Rheinische Post). Kurz entschlossen hat die 24-Jährige [...] ihren Philipp gefragt, ob ihm das denn passen täte. (Oberösterreichische Nachrichten). Bei diesen Fügungen wird der Konjunktiv Präteritum ausschließlich durch die Verben werden oder tun ausgedrückt, das Vollverb steht im Infinitiv. Sie können die meisten Funktionen der regulären Formen des Konjunktiv Präteritum übernehmen. Besonders häufig werden diese Fügungen in der indirekten Rede verwendet: Hinsichtlich des Verkehrs beruhigen Bürgermeister und Planerin: Täglich würden maximal sechs Lkw und 30 Pkw zur Anlage fahren. (Märkische Online Zeitung). Weiters dienen sie dem Ausdruck potentieller, hypothetischer oder irrealer Bedeutung: Das Defizit würde sich im Falle einer Zuordnung zum Staat um jährlich 0,5 Prozentpunkte erhöhen. (Kronen Zeitung, Steiermark und Kärnten). Außerdem können die Konstruktionen anstelle veralteter oder nicht eindeutiger Konjunktiv Präteritum-Formen verwendet werden: Hier würde es helfen [statt hälfe / hülfe es], die Wartenden zu informieren […]. (Rheinische Post). Das wiederum würde sich negativ auf den Umsatz auswirken [...] [statt wirkte sich negativ aus]. (Thüringer Allgemeine).
Beispielbelege
- werden + Infinitiv
- Das wiederum würde sich negativ auf den Umsatz auswirken und das Wirtschaftskarussell bremsen. (Thüringer Allgemeine).
- Geht man von den bisherigen Kosten für die Fußgängerzonen am Graben und der Kärntner Straße aus, würde ein Umbau des Stephansplatzes fünf Millionen Euro kosten. (Kurier, Wien).
- Die offenen Wunden würden keinen anderen Schluss zulassen. Das habe ihm am Samstag auch der Tierarzt bestätigen können. (Freie Presse).
- Im Falle eines Sieges würde die aktuelle Nummer 175 mehr als 166.000 Euro kassieren, doppelt so viel wie sein bisheriges Saison-Preisgeld. (Oberösterreichische Nachrichten).
- Damit dies Realität werden würde, müsste der 38-jährige Diplom-Sozialwissenschaftler […] in seinem Wahlkreis direkt gewählt werden, da er nicht über einen Listenplatz abgesichert ist. (Rheinische Post).
- tun + Infinitiv
- Der Jägerbursch Robert, der täte dem Förster und seiner Frau als Schwiegersohn gefallen. (St. Galler Tagblatt).
- Lieber Petrus, wir täten dann jetzt gern den Sommer nehmen. (Nürnberger Nachrichten).
- Jetzt täte uns natürlich schon noch die Speisenfolge interessieren. (Der Standard).
- Sein Wort zum Sonntag: "Wenn jeder bloß gewinnen tät, das tät ja gar nicht funktionieren." (Augsburger Allgemeine).
- Am liebsten täten sie jeden Bach begutachten. (Vorarlberg Online).
Areale Verteilung
In der Fachliteratur wird gelegentlich angenommen, dass werden / tun + Infinitiv-Konstruktionen im Konjunktiv ein Kennzeichen der gesprochenen Sprache seien<ref>Vgl. Duden (2016): Die Grammatik. Unentbehrlich für richtiges Deutsch. 9., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage. Berlin: Dudenverlag (= Band 4), S. 552f.
Helbig, Gerhard / Buscha, Joachim (2005): Deutsche Grammatik. Ein Handbuch für den Ausländerunterricht. 5. Auflage. Berlin u.a.: Langenscheidt, S. 172.</ref> bzw. in der Umgangssprache verwendet würden. Im Besonderen wird für die tun-Fügungen angegeben, dass sie ausschließlich in bestimmten Mundarten vorkämen.<ref>Vgl. Duden (2016): Die Grammatik. Unentbehrlich für richtiges Deutsch. 9., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage. Berlin: Dudenverlag (= Band 4), S. 435. </ref> Gemäß der Variantengrammatik wird tun + Infinitiv dagegen sehr wohl auch in standardsprachlichen Kontexten verwendet, wenn auch häufig bei der Wiedergabe mündlicher Äußerungen. Solche Einschränkungen liegen für werden + Infinitiv nicht vor.
werden-Fügungen + Infinitiv
Frequenzangaben
| Die prozentualen Werte entsprechen der relativen Auftretenshäufigkeit einer Variante innerhalb eines Sprachareals. | |
| sporadisch | 4% und weniger |
| kommt (selten) vor | 5%–20% |
| gebräuchlich | 21%–50% |
| üblich / mehrheitlich | 51%–95% |
| (fast) ausnahmslos | 96%–100% |
| * | unter Schwellenwert (absolute Belegzahl) |
Arealkürzel
|
A: Österreich
Vorarlberg (Vbg.), Tirol (inkl. Osttirol) (Tir.), Bezirk Zell am See/"Pinzgau" (Bundesland Salzburg)
Oberösterreich, Bundesland Salzburg (ohne
Kärnten, Steiermark
Wien, Niederösterreich, Burgenland BELG: Belgien
Rheinpfalz (Rheinland-Pfalz), Saarland, Baden-Württemberg
Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz (ohne Region Rheinpfalz), Hessen
Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen, Niedersachsen
Brandenburg (ohne Region Niederlausitz), Mecklenburg-Vorpommern, Berlin, alter Bezirk Magdeburg (Sachsen-Anhalt)
Sachsen, Thüringen, Region Niederlausitz (Brandenburg), alter Bezirk Halle (Saale) (Sachsen-Anhalt)
Bayern LIE: Liechtenstein |
Fügungen mit werden kommen im gesamten deutschsprachigen Raum vor, am häufigsten aber in A-ost, CH und LUX, am seltensten in BELG und LIE.
Karte und Frequenztabelle
| Arealkürzel |
|---|
|
A: Österreich
Vorarlberg (Vbg.), Tirol (inkl. Osttirol) (Tir.), Bezirk Zell am See/"Pinzgau" (Bundesland Salzburg)
Oberösterreich, Bundesland Salzburg (ohne
Kärnten, Steiermark
Wien, Niederösterreich, Burgenland BELG: Belgien
Rheinpfalz (Rheinland-Pfalz), Saarland, Baden-Württemberg
Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz (ohne Region Rheinpfalz), Hessen
Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen, Niedersachsen
Brandenburg (ohne Region Niederlausitz), Mecklenburg-Vorpommern, Berlin, alter Bezirk Magdeburg (Sachsen-Anhalt)
Sachsen, Thüringen, Region Niederlausitz (Brandenburg), alter Bezirk Halle (Saale) (Sachsen-Anhalt)
Bayern LIE: Liechtenstein |
| Spezielle Markierungen und Abkürzungen |
|---|
Nähere Angaben zu den festgelegten Schwellenwerten finden sich hier. |
| Korpus und Quellen |
|---|
|
Das untersuchte Korpus umfasst knapp 600 Mio. Wörter und enthält Texte aus 68 Zeitungen des zusammenhängenden deutschsprachigen Raums (Zeitraum: 2000-2013). Für weitere Informationen zum Korpus, zum statistischen Vorgehen sowie zu den analysierten Zeitungen siehe hier. |
| Rundungsdifferenzen |
|---|
| Es können Rundungsdifferenzen auftreten, in solchen Fällen ergibt die Summe der Prozentzahlen in einer Tabelle nicht genau 100%. |
| Areal | werden-Fügungen + Infinitiv |
|---|---|
| LIE | 4% |
| BELG | 4% |
| STIR | 5% |
| LUX | 9% |
| A-ost | 9% |
| A-west | 6% |
| A-mitte | 8% |
| A-südost | 7% |
| CH | 9% |
| D-nordwest | 6% |
| D-südwest | 6% |
| D-mittelwest | 7% |
| D-mittelost | 6% |
| D-südost | 6% |
| D-nordost | 7% |
Abbildung und Tabelle 1: Relative Auftretenshäufigkeit von werden-Fügungen + Infinitiv innerhalb der einzelnen Areale im Verhältnis zum Gesamtvorkommen in allen Arealen (in %)
tun-Fügungen + Infinitiv
Frequenzangaben
| Die prozentualen Werte entsprechen der relativen Auftretenshäufigkeit einer Variante innerhalb eines Sprachareals. | |
| sporadisch | 4% und weniger |
| kommt (selten) vor | 5%–20% |
| gebräuchlich | 21%–50% |
| üblich / mehrheitlich | 51%–95% |
| (fast) ausnahmslos | 96%–100% |
| * | unter Schwellenwert (absolute Belegzahl) |
Arealkürzel
|
A: Österreich
Vorarlberg (Vbg.), Tirol (inkl. Osttirol) (Tir.), Bezirk Zell am See/"Pinzgau" (Bundesland Salzburg)
Oberösterreich, Bundesland Salzburg (ohne
Kärnten, Steiermark
Wien, Niederösterreich, Burgenland BELG: Belgien
Rheinpfalz (Rheinland-Pfalz), Saarland, Baden-Württemberg
Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz (ohne Region Rheinpfalz), Hessen
Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen, Niedersachsen
Brandenburg (ohne Region Niederlausitz), Mecklenburg-Vorpommern, Berlin, alter Bezirk Magdeburg (Sachsen-Anhalt)
Sachsen, Thüringen, Region Niederlausitz (Brandenburg), alter Bezirk Halle (Saale) (Sachsen-Anhalt)
Bayern LIE: Liechtenstein |
Die Verteilung der tun-Fügungen + Infinitiv zeigt ein anderes Bild in Bezug auf ihre areale Verteilung als die werden-Fügungen. Letztere sind allgemein viel häufiger. Außerdem sind sie im gesamten deutschsprachigen Raum in Verwendung, während tun + Infinitiv nur in einzelnen Arealen und insgesamt sehr selten vorkommt. Tendenziell werden sie im Süden des deutschsprachigen Raums häufiger verwendet.
Karte und Frequenztabelle
| Arealkürzel |
|---|
|
A: Österreich
Vorarlberg (Vbg.), Tirol (inkl. Osttirol) (Tir.), Bezirk Zell am See/"Pinzgau" (Bundesland Salzburg)
Oberösterreich, Bundesland Salzburg (ohne
Kärnten, Steiermark
Wien, Niederösterreich, Burgenland BELG: Belgien
Rheinpfalz (Rheinland-Pfalz), Saarland, Baden-Württemberg
Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz (ohne Region Rheinpfalz), Hessen
Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen, Niedersachsen
Brandenburg (ohne Region Niederlausitz), Mecklenburg-Vorpommern, Berlin, alter Bezirk Magdeburg (Sachsen-Anhalt)
Sachsen, Thüringen, Region Niederlausitz (Brandenburg), alter Bezirk Halle (Saale) (Sachsen-Anhalt)
Bayern LIE: Liechtenstein |
| Spezielle Markierungen und Abkürzungen |
|---|
Nähere Angaben zu den festgelegten Schwellenwerten finden sich hier. |
| Korpus und Quellen |
|---|
|
Das untersuchte Korpus umfasst knapp 600 Mio. Wörter und enthält Texte aus 68 Zeitungen des zusammenhängenden deutschsprachigen Raums (Zeitraum: 2000-2013). Für weitere Informationen zum Korpus, zum statistischen Vorgehen sowie zu den analysierten Zeitungen siehe hier. |
| Rundungsdifferenzen |
|---|
| Es können Rundungsdifferenzen auftreten, in solchen Fällen ergibt die Summe der Prozentzahlen in einer Tabelle nicht genau 100%. |
| Areal | tun-Fügungen + Infinitiv |
|---|---|
| LIE | - |
| D-nordwest | - |
| BELG | - |
| D-mittelost | - |
| LUX | - |
| STIR | 11% (u.S.) |
| D-nordost | 1% (u.S.) |
| A-west | 9% (u.S.) |
| D-südwest | 2% (u.S.) |
| D-mittelwest | 2% (u.S.) |
| CH | 5% (u.S.) |
| A-ost | 38% (u.S.) |
| A-südost | 7% (u.S.) |
| A-mitte | 18% (u.S.) |
| D-südost | 7% |
Abbildung und Tabelle 2: Relative Auftretenshäufigkeit von tun-Fügungen + Infinitiv innerhalb der einzelnen Areale im Verhältnis zum Gesamtvorkommen in allen Arealen (in %)
Einzelnachweise
<references />
Weiterführende Literatur
- Bittner, Andreas / Köpcke, Klaus-Michael (2010): Ich würde, wenn ich wüsste, dass ich könnte. Der deutsche Konjunktiv zwischen Synthese und Analyse. In: Bittner, Dagmar / Gaeta, Livio (Hrsg.): Kodierungstechniken im Wandel. Berlin: de Gruyter, S. 23–46.
- Durrell, Martin (2007): Deutsch ist eine würde-lose Sprache. On the history of a failed prescription. In: Elspaß, Stephan u.a. (Hrsg.): Germanic language histories 'from below' (1700–2000). Berlin/New York: de Gruyter, S. 243–258.
- Durrell, Martin / Whitt, Richard Jason (2016): The development of the würde+infinitive construction in Early Modern German (1650–1800). In: Beiträge zur Geschichte der Deutschen Sprache und Literatur 138, S. 325–364.
- Gierden Vega, Carmen (2002): Eine statistische Studie zum Konjunktivgebrauch unter besonderer Berücksichtigung des würde+Infinitiv-Gefüges im heutigen Deutsch. In: Estudios filológicos Alemanes 1, S. 161–176.
- Smirnova, Elena (2007): Rekonstruktion eines Grammatikalisierungsprozesses. Entwicklung der Konstruktion würde+Infinitiv zum Konjunktiv II-Grammem. In: Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik 74.1, S. 20–37.
Siehe auch
- Grundlagenartikel: Flexion (oder direkt Unterkapitel Verbalflexion)
- Thematisch verwandte Artikel: tun-Fügungen
Verfasst von Elisabeth Scherr