Vorvorfeldbesetzung

Aus Variantengrammatik des Standarddeutschen
Version vom 16. Juli 2018, 12:16 Uhr von Gerard Adarve (Diskussion | Beiträge) (Weiterführende Literatur)
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Allgemeines zum Variantenphänomen

Ein charakteristisches Merkmal des Satzbaus im Deutschen besteht darin, dass das finite Verb im Hauptsatz an zweiter Satzgliedstelle steht. Den Bereich vor diesem Verb bezeichnet man als Vorfeld (vgl. auch Satzgliedstellung). In der Regel wird das Vorfeld von genau einem Satzglied besetzt: Den Sommer mag ich am liebsten. Soll nun ein Satzglied besonders betont werden, kann es nach links in das Vorvorfeld (auch: linkes Außenfeld) versetzt werden. Es wird dann im Vorfeld (u. U. auch im Mittelfeld) durch ein Pronomen oder ein Adverb wiederaufgenommen: Den Sommer, den mag ich am liebsten.

In der Fachliteratur[1] findet sich gelegentlich die Feststellung, diese auch Linksextraktion genannte Verschiebung trete besonders in der gesprochenen (Alltags-)Sprache auf. Gemäß Variantengrammatik kommt sie jedoch durchaus auch im geschriebenen Gebrauchsstandard vor, und zwar in den im Folgenden dargestellten Fällen. Areale Unterschiede lassen sich hierbei nicht ausmachen.

Verschiebung von Nominalphrasen in das Vorvorfeld

Hat das ins Vorvorfeld verschobene Satzglied die Form einer Nominalphrase, wird sie im Vorfeld durch das Demonstrativpronomen der, die, das wiederaufgenommen. Dieses stimmt in Kasus, Numerus und Genus mit der Form der Nominalphrase überein: Den wahren Adrenalinkick, den bringt aber eben nur der Ritt durch das Unterholz. (Nordkurier). Nur sehr selten wird von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, die Nominalphrase im Vorvorfeld in den Nominativ zu setzen, auch wenn das Demonstrativpronomen im Satz in einem anderen Kasus steht: Der fehlende Schnauzer, den bemerkt sie gar nicht. (Stuttgarter Zeitung). Eine Besonderheit ergibt sich, wenn das Satzglied aus zwei oder mehr aneinandergereihten und ggf. mit einer Konjunktion verbundenen Nominalphrasen besteht. In diesem Fall wird als Demonstrativpronomen fast ausschließlich die neutrale Form das zur Wiederaufnahme verwendet: Die Familie, der Beruf, das nahm sehr viel Zeit in Anspruch. (Rheinische Post).

Nicht belegt werden kann hingegen die Wiederaufnahme einer Nominalphrase durch ein Personalpronomen (Den Sommer, ihn mag ich am liebsten.) sowie die Stellung des wiederaufnehmenden Elements im Mittelfeld (Den Sommer, ich mag ihn am liebsten.).

Beispielbelege

  • Denn der Richtplan, der soll die Richtung weisen, in welche Goldach künftig steuern soll. (St. Galler Tagblatt).
  • Die Schauspieler, die bewegen sich sicher in ihren Rollen. (Oberbayerisches Volksblatt).
  • Erklärungsbedarf haben die Steirer in Linz nicht mehr viel, das grüne Herz, das kennt man hier im Nachbarland. (Kleine Zeitung, Steiermark und Kärnten).
  • Diesen Traum, den sollten Anfänger erst einmal begraben, meint er. (Mitteldeutsche Zeitung).
  • Einen flotten Spruch, den haben sie immer auf Lager. (Nordkurier).
  • Ein Sieg, den wollen alle in Nordhausens größter Fanmeile. (Thüringer Allgemeine).
  • Die Berge, die Natur, die Höhe, das wollten sie am eigenen Leibe spüren. (Berner Zeitung).

Verschiebung von Präpositionalphrasen in das Vorvorfeld

Soll eine Präpositionalphrase in das Vorvorfeld versetzt werden, so wird diese fast ausschließlich durch das Adverb da im Vorfeld wiederaufgenommen. Dabei handelt es sich meist um Orts- und Zeitangaben: Aber nach zwei Jahren, da wollte ich etwas Neues. (St. Galler Tagblatt). Aber auch Präpositionalobjekte werden auf dieselbe Weise wiederaufgenommen: Und aus der Zubereitung, da macht [er] alles andere als ein Geheimnis. (Rheinische Post). Sehr selten kommt auch die Wiederholung der Präposition zusammen mit dem Demonstrativpronomen der, die, das vor: Und auf den Gemeinderat, auf den hört man schon gar nicht. (Niederösterreichische Nachrichten). Eine weitere Möglichkeit, die allerdings nur auf wenige Einzelfälle beschränkt bleibt, besteht darin, im Vorfeld lediglich eine Nominalphrase im Nominativ (d. h. ohne Präposition) zu verwenden; die Präposition erscheint dann nur bei der Wiederaufnahme zusammen mit dem Demonstrativpronomen der, die, das: Die zunehmende Bürokratisierung, auf die hätte sie gerne verzichtet. (Mitteldeutsche Zeitung).

Beispielbelege

  • Denn hinter der Eingangstür, da fängt die Hölle an. (Der Tagesspiegel).
  • Vor Jahren, da hat sie auch einmal Putin gewählt. (Rhein-Zeitung).
  • Mit schwierigen Zeiten, da kennt sich der heute 77-Jährige aus. (Märkische Online Zeitung).
  • Aber auf die Rheindelta-Derbys, da freuen sich bereits alle sehr. (Vorarlberg Online).
  • Und auf die Uhr, auf die schaut sie da auch nicht. (Oberösterreichische Nachrichten).
  • Hilfe, auf die ist der dunkelblonde Mann angewiesen. (Neue Osnabrücker Zeitung).

Verschiebung von Adverbien in das Vorvorfeld

Ein Adverb kann in das Vorvorfeld verschoben werden, wenn es sich um ein Temporaladverb oder ein Lokaladverb handelt. In diesem Fall fungiert ausschließlich das Adverb da als wiederaufnehmendes Element: Aber gestern, da hat's endlich geklappt. (Aargauer Zeitung). Da hinten, da kamen Napoleons Franzosen damals über die Brücke [...]. (Augsburger Allgemeine). Beides kommt allerdings insgesamt nur selten vor.

Beispielbelege

  • Und jetzt, da ist ihr Fußballspiel eine Angelegenheit von höchstem nationalem Interesse. (Stuttgarter Zeitung).
  • Ja, früher, da lebten Bergbauern noch von dem, was sie ihrem kargen Land abtrotzen konnten. (Berner Zeitung).
  • Und manchmal, da singen sie auch, hören sich Vorträge an oder diskutieren. (Kleine Zeitung, Steiermark und Kärnten).
  • Donnerstags donnert es, freitags hat Herr Taschenbier frei und samstags, da kommt das Sams. (Neue Westfälische).
  • Ich wohne dort, und dort, da gibt es keine Haltenstellenansage, aber ich hätte gerne eine. (Wiener Zeitung).
  • Aber hinten, da griff vor allem Keeper Nikola Marinovic gegen seine ehemaligen Landsleute viel zu oft ins Leere. (Kleine Zeitung, Steiermark und Kärnten).

Einzelnachweise

  1. Duden (2016): Die Grammatik. Unentbehrlich für richtiges Deutsch. 9., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage. Berlin: Dudenverlag (= Band 4), S. 895.
    Wellmann, Hans (2008): Deutsche Grammatik. Laut. Wort. Satz. Text. Heidelberg: Universitätsverlag Winter, S. 268.

Weiterführende Literatur

  • Altmann, Hans (1981): Formen der "Herausstellung" im Deutschen. Rechtsversetzung, Linksversetzung, freies Thema und verwandte Konstruktionen. Tübingen: Niemeyer (= Linguistische Arbeiten 106).
  • Wöllstein, Angelika (2014): Topologisches Satzmodell. 2., aktualisierte Auflage. Heidelberg: Universitätsverlag Winter (= Kurze Einführungen in die germanistische Linguistik 8).

Siehe auch


Verfasst von Werner Fuchs-Richter