Reflexivität

Aus Variantengrammatik des Standarddeutschen
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Allgemeines zum Variantenphänomen und zur arealen Variation

Tendenz zu Reflexivität

Einige Verben, die in den meisten Arealen des deutschsprachigen Gebiets ohne sich (nicht reflexiv) verwendet werden, können andernorts auch mit sich (reflexiv) gebraucht werden.

  • So werden die folgenden Verben – in manchen Fällen eingeschränkt auf eine spezialisierte Bedeutung – ganz überwiegend oder gar ausschließlich in Österreich mit sich (reflexiv) verwendet: sich aufhören, sich ausgehen, sich spielen sowie sich ausmachen. Auch das Verb spießen kann reflexiv verwendet werden und bedeutet dann 'nur mühsam vorangehen' o. Ä.: Die finale Verhandlungsrunde ist für Mittwoch geplant. Einzig bei der Aufteilung des Wirtschaftsressorts soll es sich noch spießen. (Wiener Zeitung). In dieser Weise wird spießen nur in A verwendet. Des Weiteren wird das reflexive Verb sich erwarten in Südtirol und in Österreich ungleich häufiger als in anderen Arealen des deutschsprachigen Gebiets gebraucht.
  • Das reflexive Verb sich ausprobieren wird fast ausschließlich in Deutschland (v. a. in D-nordost und D-mittelost) gebraucht.
  • Nur in der Schweiz und Liechtenstein können die Wortverbindungen gewohnt sein bzw. gewöhnt sein auch reflexiv verwendet werden. Das Reflexivpronomen steht dabei im Dativ: Ich bin mir Auftritte auf Bühnen nicht gewohnt. (St. Galler Tagblatt). Ebenfalls nur in CH und LIE kommt das reflexive Verb sich nerven ('sich genervt fühlen') vor.
  • Ein Reflexivpronomen kommt auch in den Wortverbindungen sich/mich/dich (etc.) selbst sein, sich selber bleiben (o. ä.) vor. Solche Verbindungen werden in CH gebraucht und entsprechen andernorts verwendeten Verbindungen wie er/sie/man (etc.) selbst sein.

Tendenz zu Nicht-Reflexivität

Umgekehrt können die Verben ändern, bessern und drehen – wenn intransitiv, d. h. ohne Akkusativobjekt gebraucht – nicht nur mit sich (reflexiv), sondern auch ohne sich (nicht reflexiv) verwendet werden. Der Gebrauch ohne sich kommt bei diesen Verben insbesondere in der Schweiz vor, bei drehen auch in Belgien. Beim Verb rentieren ist in CH die Variante ohne sich sogar die mehrheitlich verwendete, während im übrigen deutschsprachigen Raum die reflexive Variante sich rentieren bevorzugt wird. Auch orientieren (über) wird ohne sich in der Bedeutung 'informieren (über)' fast ausschließlich in CH und LIE verwendet.

Passivierung

Reflexiv verwendete Verben können ins Passiv gesetzt werden, wobei das Reflexivpronomen sich stehen bleibt: Ständig wird sich über neue Therapien und Behandlungsmöglichkeiten informiert. (Nordkurier). Dieser Passivtypus wird als Reflexivpassiv bezeichnet. Er kommt überwiegend in D-nord und D-mitte vor.

Weitere Varianten

In der Fachliteratur wird gelegentlich angegeben, dass die Verben (sich) lehnen[1], (sich) lohnen[2], (sich) sonnen[3] und die Wendung (sich) etwas entgehen lassen[4] reflexiv und nicht reflexiv areal je unterschiedlich verwendet würden. Dies kann durch die Variantengrammatik nicht bestätigt werden. Vielmehr kommen sich lehnen, sich lohnen, sich sonnen und sich etwas entgehen lassen (reflexiv) überall viel häufiger vor als die jeweils nicht reflexiven Varianten lehnen (intransitiv), lohnen (intransitiv), sonnen (intransitiv) und etwas entgehen lassen.

Des Weiteren ist in der Fachliteratur gelegentlich zu lesen, dass die Verben (sich) anschlagen in der Bedeutung 'an etwas stoßen'[5] und (sich) duschen / (sich) baden[6] reflexiv und nicht reflexiv areal je unterschiedlich verwendet werden. Dies kann durch die Variantengrammatik ebenso wenig bestätigt werden wie die Aussage, dass sich stellen auf in der Bedeutung 'eine bestimmte Summe kosten'[7] in A Teil der geschriebenen Standardsprache ist.

Einzelnachweise

  1. Duden online (2018), Stichwort: lehnen. https://www.duden.de/rechtschreibung/lehnen_anlehnen_stuetzen.
    Meyer, Kurt (2006): Schweizer Wörterbuch. So sagen wir in der Schweiz. Frauenfeld: Huber, S. 174.
  2. Muhr, Rudolf (1995): Grammatische und pragmatische Merkmale des Österreichischen Deutsch. In: Muhr, Rudolf u.a.: Österreichisches Deutsch. Linguistische, sozialpsychologische und sprachpolitische Aspekte einer nationalen Variante des Deutschen. Wien: Hölder-Pichler-Tempsky, S. 227.
  3. Duden online (2018), Stichwort: sonnen. https://www.duden.de/rechtschreibung/sonnen.
  4. Duden online (2018), Stichwort: entgehen. https://www.duden.de/rechtschreibung/entgehen.
  5. Ammon, Ulrich u.a. (Hrsg.) (2016): Variantenwörterbuch des Deutschen. Die Standardsprache in Österreich, der Schweiz, Deutschland, Liechtenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol sowie Rumänien, Namibia und Mennonitensiedlungen. 2., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Berlin/Boston: de Gruyter, S. 43.
  6. Zifonun, Gisela u.a. (1997): Grammatik der deutschen Sprache. Band 2. Berlin: de Gruyter, S. 1359.
  7. Duden online (2018), Stichwort: stellen. https://www.duden.de/rechtschreibung/stellen.
    Ebner, Jakob (2009): Duden - Wie sagt man in Österreich? Wörterbuch des österreichischen Deutsch. Mannheim u.a.: Dudenverlag, S. 471.

Weiterführende Literatur

  • Duden (2016): Die Grammatik. Unentbehrlich für richtiges Deutsch. 9., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage. Berlin: Dudenverlag (= Band 4), S. 270–275, 407–412.
  • Kaufmann, Ingrid (2016): Reflexivkonstruktion. In: Schierholz, Stefan / Uzonyi, Pál (Hrsg.): Wörterbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft (WSK). Band 1.2: Grammatik: Syntax. Berlin/New York: de Gruyter. Link.
  • Ziegler, Arne (2010): »Er erwartet sich nur das Beste« … Reflexivierungstendenz und Ausbau des Verbalparadigmas in der österreichischen Standardsprache. In: Bittner, Dagmar / Gaeta, Livio (Hrsg.): Kodierungstechniken im Wandel. Das Zusammenspiel von Analytik und Synthese im Gegenwartsdeutschen. Berlin/New York: de Gruyter, S. 65–81.

Siehe auch

Verfasst von Martin Businger und Nicole Zellweger