Verbstellung

Aus Variantengrammatik des Standarddeutschen
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Allgemeines zum Variantenphänomen

Ein für den Satzbau des Deutschen charakteristisches Merkmal ist die sogenannte Satzklammer, die durch die verbalen Bestandteile im Satz gebildet wird (vgl. Satzgliedstellung). So steht in Hauptsätzen sowie in uneingeleiteten Nebensätzen die finite Verbform an zweiter Satzgliedstelle und bildet die linke Klammerhälfte (= Verbzweitstellung). Weitere Verben oder die Zusätze trennbarer Verben befinden sich am Satzende und bilden die rechte Klammerhälfte, der Verbalkomplex ist also auf zwei getrennte Positionen aufgeteilt. Den Bereich dazwischen bezeichnet man als Mittelfeld, hier können theoretisch beliebig viele Satzglieder untergebracht werden:

  • Maria kauft im Supermarkt ein.
  • Sie möchte morgen einen Kuchen backen.
  • Sie sagt, sie habe sich dafür von ihrer Mutter eigens ein streng gehütetes Familienrezept geben lassen.

Nur wenn ein untrennbares Verb (bzw. eines ohne Verbzusätze) in einer einfachen Verbform verwendet wird, kann keine Klammer gebildet werden: Als erstes kauft sie Zucker.

In eingeleiteten Nebensätzen wiederum treten alle Bestandteile des Verbalkomplexes geschlossen an das Ende des Satzes, wobei das finite Verb an die letzte Stelle verschoben wird (= Verbletztstellung). Die linke Klammerhälfte wird durch das jeweilige Einleitewort ausgefüllt:

  • Maria sagt, dass sie noch einkaufen gehen wolle.
  • Lange hatte sie sich gefragt, warum sie sie nicht früher darum gebeten hat.

Als dritte Möglichkeit kann das finite Verb schließlich auch die erste Position im Satz einnehmen (= Verberstsatz). Dies ist der Fall bei Aufforderungs-, Ausrufe- und Entscheidungsfragesätzen, aber auch bei einer Form von Konditionalsätzen. Auch hier ist wieder Klammerbildung möglich:

  • Kauf endlich die Zutaten ein!
  • Sind die aber teuer!
  • Soll ich sofort mit der Zubereitung anfangen?
  • Wäre das Rezept nicht so anspruchsvoll, wüsste ich es schon auswendig.

Die hier dargestellten Verhältnisse spiegeln die ganz grundsätzlichen Regeln des Satzbaus im Deutschen wider. Tatsächlich variiert der geschriebene Gebrauchsstandard innerhalb dieser Regelungen je nach Areal oder weist davon abweichende Regeln auf, worauf in den folgenden Abschnitten näher eingegangen wird.

Variation der Verbstellung im Hauptsatz

Verberststellung durch leeres Vorfeld

In diesen Sätzen wird ein Satzglied, das gewöhnlich im Vorfeld vor dem finiten Verb stünde, ausgelassen, sodass das Verb an die erste Stelle rückt. Da der Satz dadurch nicht mehr vollständig ist, lässt sich auch von Verbzweitsätzen mit leerem Vorfeld sprechen.

Es ist zwischen zwei verschiedenen Fällen zu unterscheiden: Das ausgelassene Element kann erstens mit einem Satzglied des vorausgehenden Satzes identisch sein und vom Empfänger gedanklich ergänzt werden: Nach ihrem Geschmack richtet er Feste jeder Art aus. Liefert Gerichte frei Haus. (Thüringer Allgemeine) (ausgelassenes Subjekt: er). Beim ausgelassenen Satzglied kann es sich zweitens um das Pronomen das handeln, das nicht auf ein einziges Satzglied, sondern auf einen gesamten vorausgehenden Sachverhalt verweist: Ich dachte erst, es gebe mehr Nachwuchs bei Familie Reh und Wildschwein. War aber nicht so. (Liechtensteiner Vaterland) (ausgelassenes das entspricht dem Sachverhalt es gebe mehr Nachwuchs bei Familie Reh und Wildschwein). Darüber hinaus gibt es einige wenige weitgehend fest gewordene Wendungen wie Geht doch oder Ist nicht.

In der Fachliteratur finden sich Feststellungen, wonach diese Konstruktionen eher der gesprochenen Sprache oder der geschriebenen Umgangssprache zuzuordnen sind.[1] Tatsächlich jedoch werden sie gemäß Variantengrammatik im geschriebenen Gebrauchsstandard überall durchaus verwendet. Eine areale Variation zeichnet sich hingegen nicht ab.

Davon zu unterscheiden sind die grammatikalisch vollständigen Verberstsätze (d. h. ohne ausgelassenes Satzglied), die häufig Witze (Kommt ein Mann zum Arzt...) oder vom Sprecher besonders hervorgehobene Vorfälle einleiten (Kommt heute unser Nachbar zu mir und behauptet...). Deren Gebrauch kann durch die Variantengrammatik nicht bestätigt werden.

Verberststellung bei hinzukommen

Mithilfe des Verbs hinzukommen lässt sich ein minimaler Hauptsatz bilden, der dazu dient, einen mit der Konjunktion dass eingeleiteten Subjektsatz anzuführen, der zuvor getätigte Äußerungen ergänzen, erweitern oder präzisieren soll. Je nach Areal wird es in zwei verschiedenen Varianten verwendet, nämlich mit vorausgehendem oder nachfolgendem Verbzusatz: Hinzu kommt, dass (auch: Hinzukommt, dass) und Kommt hinzu, dass.

Für weitere Informationen siehe den Artikel Hinzu kommt, dass / Kommt hinzu, dass.

Variation der Verbstellung im Nebensatz

Verberststellung in Subjekt- und Objektsätzen

Fungiert in einem Hauptsatz ein wertendes Adjektiv als Prädikativ, kann in CH ein nachfolgender Subjekt- oder Objektsatz statt mit dass und Verbletztstellung auch als Verberstsatz konstruiert werden, wobei es möglich ist, den Hauptsatz bis auf das Adjektiv zu reduzieren: Es ist gut, dass es die Feuerwehr gibt. (Es ist) gut, gibt es die Feuerwehr.

Für nähere Details siehe den Artikel Verberststellung in Subjekt- und Objektsätzen.

Verberststellung in Kausalsätzen mit doch

An die Stelle von kausalen Haupt- bzw. Nebensätzen mit den Konjunktionen denn bzw. weil oder da können Verberstsätze in Verbindung mit der Partikel doch treten: Er freut sich, hat er doch den ersten Preis gewonnen. Die Häufigkeit des Gebrauchs variiert dabei areal.

Für nähere Details siehe den Artikel Kausalsätze mit Verberststellung + doch.

Verbzweitstellung nach unterordnenden Konjunktionen und Pronominaladverbien

Statt der sonst üblichen Verbletztstellung bei eingeleiteten Nebensätzen ist nach den Konjunktionen weil, obwohl und während sowie dem Pronominaladverb wobei auch die Verbzweitstellung möglich, allerdings areal teilweise unterschiedlich und nur unter bestimmten Voraussetzungen.

Für nähere Details siehe den Artikel Verbzweitstellung nach weil, obwohl, während, wobei.

Verberst-, Verbzweit- und Verbletztstellung in gereihten Konditionalsätzen

Werden vor einem Hauptsatz zwei Konditionalsätze mit und aneinandergereiht, stimmt die Verbstellung des zweiten Satzes mit dem des ersten überein, oder das finite Verb steht an zweiter Stelle:

  • eingeleiteter Konditionalsatz
    • Satz 1: Verbletztstellung
    • Satz 2: Verbletzt- oder Verbzweitstellung
  • uneingeleiteter Konditionalsatz
    • Satz 1: Verberststellung
    • Satz 2: Verberst- oder Verbzweitstellung

Zwischen diesen Möglichkeiten kann allerdings nicht in jedem Fall variiert werden, außerdem unterscheidet sich ihr Gebrauch teilweise areal.

Für nähere Details siehe den Artikel Reihung von Konditionalsätzen.

Wortstellung im Verbalkomplex

In Verbindung mit Modalverben, Verben des Wahrnehmens und dem Verb lassen besteht in zusammengesetzten Verbformen der Verbalkomplex aus drei Verben, die an das Ende eines Nebensatzes treten: Er freut sich, dass er den ersten Preis hat gewinnen können. Die Reihenfolge dieser drei Verben unterscheidet sich areal und in Abhängigkeit vom eingesetzten Hilfsverb, Besonderheiten finden sich zudem bei lassen. Darüber hinaus können auch Satzglieder in den Verbalkomplex eingeschoben werden.

Für nähere Details siehe den Artikel Wortstellung im Verbalkomplex.

Ausklammerungen

Werden Elemente eines Satzes hinter die rechte Satzklammer hinaus in das sogenannte Nachfeld verschoben, spricht man von Ausklammerung oder auch Ausrahmung. Vom Blickwinkel der Klammerbildung und der damit verbundenen Satzfelder aus betrachtet verändert sich die Stellung der Verben bzw. Verbzusätze in der rechten Klammerhälfte also eigentlich nicht, allerdings stehen sie auch nicht mehr am Ende des Satzes. Die Art des auszuklammernden Elements entscheidet darüber, ob eine Ausklammerung möglich ist und wie häufig sie vorgenommen wird. Darüber hinaus liegt hier teilweise auch areale Variation vor.

Für nähere Details siehe den Artikel Ausklammerung.

Einzelnachweise

  1. Duden (2016): Die Grammatik. Unentbehrlich für richtiges Deutsch. 9., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage. Berlin: Dudenverlag (= Band 4), S. 890.
    Wellmann, Hans (2008): Deutsche Grammatik. Laut. Wort. Satz. Text. Heidelberg: Universitätsverlag Winter, S. 152.

Weiterführende Literatur

  • Altmann, Hans / Hofmann, Ute (2008): Topologie fürs Examen. Verbstellung, Klammerstruktur, Stellungsfelder, Satzglied- und Wortstellung. 2., überarbeitete und ergänzte Auflage. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht (= Linguistik fürs Examen 4).
  • Giger, Nadio (2011): "Gut, gibt es einen wie Oliver Kahn": Zum Phänomen rechtsextraponierter Verberstnebensätze im Schweizerhochdeutsch. In: Kümmel, Martin Joachim (Hrsg.): Sprachvergleich und Sprachdidaktik. Beiträge zu den 19. GeSuS-Linguistiktagen Freiburg im Breisgau, 2.–4. März 2010. Hamburg: Verlag Dr. Kovač (= PHILOLOGIA – Sprachwissenschaftliche Forschungsergebnisse 161), S. 43–65.
  • Haftka, Brigitta (1999): Deutsche Wortstellung. Mit besonderer Berücksichtigung generativer Ansätze. Heidelberg: Groos (= Studienbibliographien Sprachwissenschaft 31).
  • Niehaus, Konstantin (2016): Wortstellungsvarianten im Schriftdeutschen. Über Kontinuitäten und Diskontinuitäten in neuhochdeutscher Syntax. Heidelberg: Universitätsverlag Winter.
  • Vilmos, Ágel (2001): Gegenwartsgrammatik und Sprachgeschichte. Methodologische Überlegungen am Beispiel der Serialisierung im Verbalkomplex. In: ZGL 29, S. 293–318.
  • Wöllstein, Angelika (2014): Topologisches Satzmodell. 2., aktualisierte Auflage. Heidelberg: Universitätsverlag Winter (= Kurze Einführungen in die germanistische Linguistik 8).

Siehe auch

Verfasst von Werner Fuchs-Richter