Verbalflexion bei der Partizipialbildung

Aus Variantengrammatik des Standarddeutschen
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Allgemeines zum Variantenphänomen und zur grammatischen Beschreibung

Verben werden im Deutschen je nach der Bildung ihrer Stammformen für gewöhnlich in zwei große Klassen eingeteilt, und zwar in starke und schwache Verben.[1] Starke Verben sind durch die Veränderung ihres Stammvokals, durch endungslose Formen in der 1. und 3. Person Singular Präteritum sowie durch die Endung -en im Partizip II gekennzeichnet (singen – sang – gesungen, beißen – biss – gebissen etc.). Bei den schwachen Verben hingegen wird der Stammvokal generell nicht verändert, das Präteritum wird durch ein -t- gekennzeichnet, auf das in allen Formen Personalendungen folgen, und das Partizip II endet auf -(e)t (spielen – spielte – gespielt, loben – lobte – gelobt etc.). Einige Verben, darunter wenden und senden, sind dem Flexionsmuster der schwachen Verben zuzuordnen, können im Partizip aber neben den regulären Flexionsformen (und e-Einschub) auch unregelmäßige Formen mit einem Vokalwechsel haben (z. B. sendengesendet / gesandt, vgl. Flexion bei unregelmäßigen schwachen Verben).

Bei einigen Verben zeigen sich bei der Bildung des Partizips II areale Unterschiede. Konkret betroffen sind die Verben bewegen, hauen, saugen, spalten, weben und winken. Diese Verben weisen allerdings keine einheitliche areale Tendenz in der Formenwahl zwischen starker und schwacher Flexion auf. Areale Präferenzen können vielmehr je nach Verb sehr unterschiedlich ausfallen.

Ähnliche Unterschiede in der Formenbildung treten auch bei beim Präteritum auf.

Beispielbelege

  • Variation stark / schwach
    • Die beiden Männer sollen andere Personen dazu bewegt haben, bei dem Gewinnspiel mitzumachen. (Nordkurier).
    • Die AG hat ihn dazu bewogen, Biochemie an der Universität in Düsseldorf zu studieren. (Neue Osnabrücker Zeitung).
    • Das Löschwasser wurde aus einem Teich in der Nähe gesaugt. (Kieler Nachrichten).
    • 27 000 Kubikmeter Luft werden pro Stunde durch die Leitungen gesogen. (Rheinische Post).
    • Hier wurden etliche Bäume entwurzelt beziehungsweise gespalten oder auch deren Krone abgeknickt. (Nürnberger Nachrichten).
    • Weichholz wie Kiefer oder Fichte müsse mindestens ein Jahr gespaltet und gut durchlüftet liegen [...]. (Hannoversche Allgemeine).
    • Etliche Stoffproben wurden extra für den Musikverein gewebt. (Augsburger Allgemeine).
    • Die Säcke wurden aus robustem Sackleinen hergestellt, das von einheimischen Webern aus Flachs gewoben wurde. (Schwäbische Zeitung).
    • Er hatte am Fenster gewinkt und gerufen und konnte von den Feuerwehrleuten mit einer Rettungsglocke durch das verrauchte Treppenhaus geführt werden. (Kieler Nachrichten).
    • Freundlich gewunken hat er zumindest. (Rheinische Post).
  • unregelmäßige schwache Verben
    • Die Antwortkarte soll lediglich an ein Postfach gesandt werden. (Freie Presse).
    • Am Freitag soll ein entsprechender Bericht gesendet werden. (Schwäbische Zeitung).
    • Die Mutter hatte sich an ihn gewandt und darum gebeten, dass die Äste weggeschnitten werden. (Märkische Allgemeine).
    • Denn Zeugen hätten sich an einen Zoomitarbeiter gewendet oder wären selber eingeschritten. (Rheinische Post).

Weitere Varianten

In der Fachliteratur wird gelegentlich angeführt, dass die Partizipialformen der Verben bellen (gebellt / gebollen)[2], beneiden (beneidet / benieden)[3], heißen (geheißen / gehießen)[4] und speisen (gespeist / gespiesen)[5] variieren. Dies kann durch die Variantengrammatik nicht bestätigt werden, die starken Formen dieser Verben werden größtenteils nicht (mehr) verwendet. Lediglich die starke Partizipialform von speisen (gespiesen) ist im Gebrauch, allerdings ausschließlich in CH.

Bei einigen anderen Verben sind zwar grundsätzlich beide Formbildungsmuster möglich, jedoch haben die unterschiedlich gebildeten Formen jeweils auch eine andere Bedeutung. Dies gilt beispielsweise für hängen (gehangen / gehängt). Das Partizip gehangen beschreibt fast ausnahmslos einen statischen Zustand ('beweglich befestigt sein'). Die Form gehängt hingegen wird ausnahmslos in der Bedeutung 'jemanden/etwas frei beweglich befestigen' verwendet.

  • Am Dienstag teilte das spanische Museum mit, das Bild habe seit Jahren in ihrem Haus gehangen, sei jedoch für wesentlich jünger gehalten worden. (Kölner Stadt-Anzeiger).
  • Die Lampen in der Kirche wurden höher gehängt, sie sollen nicht von den Kameras erfasst werden. (Hannoversche Allgemeine).

Ein Bedeutungsunterschied, der sich mit der unterschiedlichen Bildung des Partizips ergibt, liegt auch bei schaffen (geschafft 'erreicht' / geschaffen 'kreiert') und schleifen (geschleift 'jemanden/etwas mitziehen' / geschliffen 'glätten, schärfen') vor.

Einzelnachweise

  1. Daneben gibt es noch unregelmäßige Verben, Mischformen und genauere Differenzierungen, die an dieser Stelle vernachlässigt werden können.
  2. Heuer, Walter / Flückiger, Max / Gallmann, Peter (2017): Richtiges Deutsch. Vollständige Grammatik und Rechtschreiblehre. 32. Auflage. Zürich: Verlag Neue Zürcher Zeitung, S. 489.
  3. Ammon, Ulrich u.a. (Hrsg.) (2016): Variantenwörterbuch des Deutschen. Die Standardsprache in Österreich, der Schweiz, Deutschland, Liechtenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol sowie Rumänien, Namibia und Mennonitensiedlungen. 2., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Berlin/Boston: de Gruyter, S. 99.
    Bickel, Hans / Landolt, Christoph (2012): Schweizerhochdeutsch: Wörterbuch der Standardsprache in der deutschen Schweiz. Mannheim u.a.: Dudenverlag, S. 90.
  4. Duden (2016): Das Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle. Richtiges und gutes Deutsch. 8., vollständig überarbeitete Auflage. Berlin: Dudenverlag (= Band 9), S. 440.
  5. Ammon, Ulrich (1995): Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Das Problem der nationalen Varietäten. Berlin: de Gruyter, S. 79f.
    Ammon, Ulrich u.a. (Hrsg.) (2016): Variantenwörterbuch des Deutschen. Die Standardsprache in Österreich, der Schweiz, Deutschland, Liechtenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol sowie Rumänien, Namibia und Mennonitensiedlungen. 2., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Berlin/Boston: de Gruyter, S. 686.
    Bickel, Hans / Landolt, Christoph (2012): Schweizerhochdeutsch: Wörterbuch der Standardsprache in der deutschen Schweiz. Mannheim u.a.: Dudenverlag, S. 90.

Siehe auch

Verfasst von Elisabeth Scherr