Valenz und Rektion

Aus Variantengrammatik des Standarddeutschen
Wechseln zu:Navigation, Suche

Valenz – allgemeine Bemerkungen

Unter Valenz versteht man, dass bestimmte Wortarten (Verben, Adjektive, Substantive) in ihrer syntaktischen Umgebung Leerstellen vorsehen, die durch andere sprachliche Elemente besetzt werden.[1] So verlangt ein Verb wie belügen in einem Aktivsatz zwei Satzglieder, ein Subjekt und ein Akkusativobjekt (z. B. Er belog die Aktionäre), ein Verb wie schlafen dagegen nur ein Satzglied, das Subjekt (Die Katze schläft). Die Elemente, die in der syntaktischen Umgebung eines Verbs gefordert sind, werden als Ergänzungen bzw. – dem französischen Sprachwissenschaftler Lucien Tesnière folgend – als Aktanten (frz. actants) bezeichnet. In Abhängigkeit von ihrer Zahl unterscheidet man auf syntaktischer Ebene zwischen einwertigen, zweiwertigen und dreiwertigen Verben. Erläutert sei dies im Folgenden an drei Beispielen, an einem Verb mit zwei (helfen) bzw. drei Ergänzungen (schenken) und schliesslich an Verben mit nur einer Ergänzung (schlafen, weinen, regnen):

Das Verb helfen sieht in seiner Umgebung zwei Ergänzungen vor (vgl. Er hilft mir). Diese Ergänzungen sind obligatorisch; in der Regel kann das Verb im Aktivsatz nicht ohne sie stehen. Auch in Bezug auf die grammatischen Eigenschaften der Ergänzungen macht das Verb helfen seiner Umgebung eine wichtige Vorgabe: Das Objekt, das in Verbindung mit diesem Verb auftritt, muss im Dativ stehen (mir). Anders ist es bei dem Verb unterstützen, das ebenfalls zweiwertig ist, jedoch als zweite Ergänzung ein Akkusativ-, nicht ein Dativobjekt fordert (vgl. Er unterstützt mich). Zu den Verben mit drei Ergänzungen gehört das Verb schenken (vgl. Er schenkt mir ein Buch), das zu den Transaktionsverben gehört. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass alle Verben, die eine Transaktion beschreiben (vgl. auch geben, nehmen, verkaufen), dreiwertig sind. Das verwundert nicht: Die Leerstellen, die auf der syntaktischen Ebene besetzt werden, korrespondieren auf der Bedeutungsebene mit drei Positionen; sie geben Antworten auf die Frage: Wer gibt wem was? Daran sieht man, dass die syntaktische Valenz, die sich auf die grammatischen Eigenschaften bezieht, eng mit der Verbbedeutung zusammenhängt.

In der Regel fallen die beiden Ebenen, die semantische und die syntaktische Valenz, zusammen. Doch gibt es auch Ausnahmen. Diese betreffen einen Teil der Verben, die sog. Witterungsverben (z. B. regnen). Das Verb regnen zählt, wie auch die Verben schlafen und weinen, auf syntaktischer Ebene zu den einwertigen Verben. Einwertige Verben erfordern nur eine Ergänzung, damit der Satz vollständig ist. So bildet das Verb schlafen zusammen mit dem Subjekt bereits einen grammatischen Satz (vgl. Er schläft). Das Verb erfordert aufgrund seiner Bedeutung nur diese eine Ergänzung – und diese wird im Fall von schlafen im Nominativ, als Subjekt, realisiert. Daneben gibt es aber auch Verben, in deren Umgebung nur ein sog. Platzhalter-Element, das Wörtchen es, auftritt, das selbst keine Bedeutung trägt.[2] Das ist bei den Witterungsverben wie regnen, schneien, tauen, stürmen der Fall. So verlangt das Verb regnen ein solches es an der Subjektposition (vgl. Es regnet). Syntaktisch gesehen ist das Verb regnen also einwertig, da es ein Subjektpronomen erfordert, auf der semantischen Ebene aber ist dieses Pronomen inhaltsleer. Das zeigt sich auch daran, dass man nicht die Frage stellen kann: Wer regnet? bzw. dass es keinen "Regner" gibt.[3]

Wichtig ist noch zu betonen, dass die Valenz immer nur für den kanonischen Fall bestimmt wird, d. h. für den Gebrauch des Verbs im Aktivsatz, nicht aber für andere Satzstrukturen. Im Passivsatz beispielsweise liegen die Dinge anders; hier fällt eine Ergänzung systematisch weg (vgl. Sie wäscht den Wagen – Der Wagen wird gewaschen) bzw. sie kann nur noch in einer Präpositionalgruppe realisiert werden (vgl. Der Wagen wird von ihr gewaschen). Der Wegfall einer Ergänzung ist auch charakteristisch für den Aufforderungssatz in der 2. Person Singular (vgl. Wasche den Wagen!), der dadurch gekennzeichnet ist, dass das Subjekt regulär fehlt (vgl. aber im Unterschied dazu die Höflichkeitsform Waschen Sie den Wagen!). Wird es doch realisiert, dann ist dies nur möglich, wenn das Subjekt besonders hervorgehoben werden soll (z. B. Wasche du den Wagen!).

Zum theoretischen Hintergrund

Die Unterscheidung in semantische und syntaktische Valenz stammt von den Sprachwissenschaftlern Gerhard Helbig und Wolfgang Schenkel. Sie präsentieren im theoretischen Teil ihres Valenzwörterbuches, das seit dem Jahr 1971 in einer Vielzahl von Auflagen erschienen ist, grundlegende Überlegungen zur Valenz. Unter der semantischen Valenz fassen sie die Tatsache, dass "Verben bestimmte Kontextpartner fordern", unter der syntaktischen Valenz die "obligatorische oder fakultative Besetzung von Leerstellen in einer bestimmten, vom Verb her geforderten Zahl und Art, differenziert nach den Einzelsprachen".[4] Tatsächlich können die Leerstellen in der Umgebung eines Verbs je nach Einzelsprache unterschiedlich besetzt werden. Im Italienischen z. B. treten Witterungsverben wie regnen oder schneien ohne Subjekt auf (vgl. Piove vs. Es regnet), die Verben sind hier auf syntaktischer Ebene nullwertig. Weiter können sich Einzelsprachen darin unterscheiden, wie die Ergänzungen in der Umgebung eines Verbs syntaktisch realisiert werden. Im Englischen beispielsweise tritt das Verb erinnern (to remember) mit einem direkten Objekt auf (vgl. to remember somebody). In einzelnen Arealen des deutschen Sprachraums ist es zwar auch möglich, das Verb erinnern mit einem direkten Objekt anzuschliessen (vgl. etwas erinnern), darüber hinaus kann erinnern aber auch – und dies weitaus häufiger – mit einem Reflexivpronomen und einem präpositionalen Objekt (vgl. sich an jemanden erinnern) oder einem Reflexivpronomen und einem Genitivobjekt (vgl. sich einer Sache erinnern) verwendet werden.

Ein Valenzwörterbuch bietet solche Informationen zur grammatischen Charakterisierung der Ergänzungen und darüber hinaus auch Angaben zu den semantischen Merkmalen der von den Verben geforderten Ergänzungen. Beispielsweise ist im Wörterbucheintrag für gewinnen festgehalten, dass das Subjekt in der Regel das semantische Merkmal [+ belebt] trägt. Doch es sind vor allem die grammatischen Informationen, die für den Wörterbuchbenutzer von besonderem Interesse sind. So muss ein ausländischer Deutschlerner wissen, dass das Verb helfen mit einem Dativ-, das Verb unterstützen mit einem Akkusativobjekt auftritt (s. o.) und das Verb ändern im Deutschen meist reflexiv verwendet wird (vgl. Das Wetter ändert sich vs. The weather changes). Ein solches Wörterbuch, das über das Internet verfügbar ist, ist das E-VALBU, in dem man neben den Angaben zur Valenz der Verben auch Informationen zu ihrer Passivfähigkeit, zur Stilebene, zur Aussprache u. a. findet.

Der Beispielsatz Das Wetter ändert sich bringt uns zu einem Punkt, der hier eigens betont werden soll: Auch innerhalb ein und desselben Sprachraums (wie z. B. des Deutschen) kann es Unterschiede in der Besetzung der Leerstellen eines Verbs geben. Das Verb ändern beispielsweise tritt in der Schweiz standardsprachlich auch ohne Reflexivum auf (vgl. Das Wetter ändert), in anderen Arealen des deutschsprachigen Raums ist das nicht möglich. Und auch der Kasus, der von einem Verb regiert wird, kann variieren: Das Verb kündigen beispielsweise steht in bestimmten Arealen mit Dativ (jemandem kündigen), in anderen mit Akkusativ (jemanden kündigen). Dasselbe gilt für die Wahl der Präposition, die in der Umgebung eines Verbs gefordert wird. Auch hier ist eine areale Variation möglich (vgl. sich gegen jemanden durchsetzen vs. sich über jemanden durchsetzen (siehe durchsetzen)). Die syntaktische Valenz ist also variabel. Sie kann je nach Einzelsprache, aber auch innerhalb einer Einzelsprache unterschiedlich ausgestaltet werden.

Ein weiterer wichtiger Aspekt in der Valenztheorie ist die Unterscheidung in obligatorische und fakultative Ergänzungen: Obligatorische Ergänzungen sind solche, die nicht weggelassen werden können, ohne dass der Satz ungrammatisch würde. Als Beispiel sei das zweiwertige Verb beschenken genannt, das nicht ohne Objekt stehen kann (vgl. den ungrammatischen Satz Sie beschenkt_). Wenn eine Ergänzung dagegen 'nur' fakultativen Status hat, dann gehört sie zwar auch zur Wertigkeit eines Verbs, sie muss aber nicht realisiert werden. Das ist der Fall bei dem Verb singen, das mit oder ohne Objekt auftritt (vgl. Er singt gerne Arien vs. Er singt gerne__). Auch dieses Verb sieht, wie beantworten, im Aktivsatz zwei Leerstellen vor, doch nur eine davon muss besetzt werden. Um zu überprüfen, ob es sich um eine obligatorische oder um eine fakultative Ergänzung handelt, kann man den Weglasstest anwenden. Würde der Satz ungrammatisch, wenn das fragliche Element weggelassen wird, dann handelt es sich um eine obligatorische Ergänzung. Doch stellt sich hier das Problem, dass unter bestimmten kommunikativen Bedingungen fast jede Ergänzung weggelassen werden kann. Das gilt selbst für das Subjekt, wie das Beispiel Bin gleich wieder da zeigt. Ein weiteres Problem resultiert daraus, dass es neben den Ergänzungen in vielen Sätzen Elemente gibt, die ebenfalls wegfallen können, ohne dass der Satz ungrammatisch würde. Diese bezeichnet man als Angaben. In dem konstruierten Beispielsatz Susanna schenkt ihrer Freundin zum Geburtstag gerne Blumen beispielsweise treten zwei Angaben und drei Ergänzungen auf. Die Ergänzungen sind die Satzglieder, die auf die Fragen wer, wem, was antworten (d. h. Susanna, ihrer Freundin, Blumen). Eine dieser Ergänzungen, das Dativobjekt, ist fakultativ (vgl. Susanna schenkt __ zum Geburtstag gerne Blumen). Doch ändert das nichts an der Dreiwertigkeit des Verbs schenken, potentiell hat es diese drei Leerstellen. Nun kommen in dem Beispiel aber noch die zwei Satzglieder gerne und zum Geburtstag hinzu. Dabei handelt es sich um zusätzliche Informationen, wie sie sich in jedem Satz beliebig hinzufügen lassen. Selbst wenn in einem Satz mit dem Verb schenken vier oder fünf solche Angaben auftreten würden (was theoretisch möglich ist), ändert das nichts an der Dreiwertigkeit dieses Verbs.

Bislang war nur von der Verbvalenz die Rede; hingewiesen sei noch darauf, dass auch Adjektive und Substantive in ihrer Umgebung "Kontextpartner" vorsehen können, die auf syntaktischer Ebene mit einem bestimmten Typus von Ergänzungen besetzt werden. Das Adjektiv stolz beispielsweise verlangt eine Ergänzung, die mit der Präposition auf angeschlossen wird (vgl. auf jemanden stolz sein), das Adjektiv treu eine Ergänzung im Dativ (vgl. jemandem treu sein). Das Substantiv Neid sieht eine Leerstelle für ein Genitivattribut und ein Präpositionalattribut vor (vgl. der Neid des Kindes auf seine Geschwister), das Substantiv Besitz verlangt ein Genitivattribut (vgl. der Besitz vieler Bücher) oder – alternativ dazu – ein mit der Präposition von angeschlossenes Attribut (der Besitz von vielen Büchern). Oft ist es so, dass das Substantiv seine Valenz aus einem zugrundeliegenden Verb (z. B. besitzen) bzw. Adjektiv (z. B. neidisch) bezieht. Doch ändert sich dabei die syntaktische Funktion dieser Ergänzungen: Wird das Verb besitzen substantiviert (der Besitz), dann wird das Akkusativobjekt zu einem Attribut (vgl. der Besitz vieler Bücher). Das gilt auch für das Substantiv Neid, das vom Adjektiv neidisch zwei "Kontextpartner" (wer, auf wen) übernimmt und diese auf syntaktischer Ebene mit zwei Attributen realisiert.

Rektion

Wie wir gesehen haben, ist die Valenz massgeblich am Aufbau der syntaktischen Struktur von Sätzen beteiligt. Das gilt auch für ein weiteres Konzept, das in der Grammatik eine zentrale Rolle spielt: die Rektion. Zwar gibt es Überschneidungen mit dem Valenzbegriff, die Konzepte dürfen aber nicht gleichgesetzt werden. Deshalb sei auch hierzu eine kurze Begriffserläuterung gegeben: Die Rektion bezeichnet den Umstand, dass die grammatische Charakterisierung eines sprachlichen Elements durch ein anderes Element festgelegt wird. Die semantische Ebene spielt dabei – im Unterschied zur Valenz – keine Rolle, es geht lediglich darum, dass ein Element die Form eines anderen (und hier insbesondere den Kasus) bestimmt. So gibt es im Deutschen Präpositionen, die einen Dativ regieren (vgl. seit dem letzten Jahr), und andere, die einen Genitiv regieren (vgl. wegen des schlechten Wetters). Wer Deutsch lernt, muss sich diese Informationen zusammen mit dem jeweils regierenden Wort einprägen. Doch auch hier ist innerhalb einer Einzelsprache Variation möglich (vgl. wegen dem schlechten Wetter); und auch hier kann die Variation nicht nur stilistisch, sondern auch areal bedingt sein. Das sehen wir am Beispiel des Verbs kündigen, das entweder mit einem Dativ- oder einem Akkusativobjekt stehen kann (s. o.). Tritt ein Verb mit einem Präpositionalobjekt auf, wie es z. B. in der Konstruktion auf jemanden warten der Fall ist, dann regiert dieses Verb keinen Kasus, sondern eine Präposition (hier die Präposition auf) und diese Präposition wiederum einen Kasus (hier den Akkusativ, vgl. jemanden).

Unterschied zwischen Valenz und Rektion

Ein wichtiger Unterschied zwischen Valenz und Rektion zeigt sich im Status des Subjekts: In der Valenztheorie hat das Subjekt keinen Sonderstatus; es wird als ein Satzglied unter anderen angesehen, für welches das Verb – wie für alle anderen Ergänzungen – eine Leerstelle eröffnet. Anders ist es bei der Rektion: Die Rektion bezieht sich nur auf den Objektbereich von Verben, das Subjekt bleibt ausgeklammert. Deshalb spricht man auch von akkusativ-, dativ- oder genitivregierenden Verben (vgl. jemanden sehen, jemandem helfen, einer Sache bedürfen), nicht aber von nominativregierenden. Im Objektbereich ist v. a. die Unterscheidung in intransitive und transitive Verben wichtig: Intransitive Verben sind solche, die kein Akkusativobjekt zu sich nehmen (z. B. schlafen, weinen, helfen). Daraus resultiert, dass sie nur ein unpersönliches Passiv bilden können (vgl. Hier wird nicht geweint; Ihm wird gerne geholfen). Anders ist dies bei transitiven Verben. Dabei handelt es sich um Verben, die einen Akkusativ regieren (und diese stellen die grösste Zahl im Deutschen dar). Im Passivsatz kann dieses Akkusativobjekt zum Nominativsubjekt werden (vgl. Ich wasche den Wagen – Der Wagen wird gewaschen). Auf syntaktischer Ebene ist ein solches Passiv immer möglich, auf semantischer Ebene kann es aber durchaus Gründe geben, welche die Bildung eines Passivsatzes verhindern. So mutet ein Satz wie Der Kuchen wird von mir gerochen seltsam an, auch wenn das Verb riechen im Aktiv einen Akkusativ regiert (vgl. etwas riechen) und der Passivsatz deshalb grammatikalisch korrekt ist. Doch ändert das nichts daran, dass im Deutschen überhaupt nur dann ein Passiv mit einem Nominativsubjekt (d. h. ein persönliches Passiv) gebildet werden kann, wenn das Verb im Aktiv mit einem Akkusativobjekt auftritt, also transitiv ist. Das ist auch der Grund dafür, warum Äusserungen wie Hier werden Sie geholfen markiert sind (und gerade deshalb in der Werbung Karriere gemacht haben): In diesem Satz wird ein Dativobjekt, nicht ein Akkusativobjekt zum Subjekt – und das ist grammatisch nicht korrekt.

Angemerkt sei an dieser Stelle aber auch, dass nicht jede Substantivgruppe, die im Akkusativ steht, ein Akkusativobjekt ist. In einem Satz wie Er hilft ihr den ganzen Morgen steht die Substantivgruppe den ganzen Morgen im Akkusativ, es ist aber ein Temporaladverbial, nicht ein Objekt. Der Kasus wird hier nicht vom Verb regiert, das Verb helfen ist und bleibt intransitiv. Das sieht man auch daran, dass ein solcher Akkusativ syntaktisch zu jedem Verb hinzugefügt werden kann, und zwar unabhängig davon, ob dieses Verb akkusativ-, dativ- oder genitivregierend ist. Folglich kann es durchaus sein, dass ein Verb mit zwei Akkusativen auftritt (vgl. Sie schreibt den ganzen Tag Gedichte): mit einem Akkusativobjekt (d. h. einer Ergänzung) und einem Akkusativadverbial (d. h. einer Angabe). Analog dazu ist auch die Kombination von einem Genitivobjekt und einem Genitivadverbial möglich. So gehört das Verb bezichtigen zu den wenigen Verben im Gegenwartsdeutschen, die – neben dem Akkusativ – einen Genitiv regieren (jdn. einer Sache bezichtigen). Zu diesem Genitiv kann ein weiterer hinzutreten, der die Funktion eines Adverbials einnimmt (vgl. Eines Tages bezichtigten sie ihn des Diebstahls).

Der Rektionsbegriff kann, wie weiter oben bereits angedeutet, noch in einem erweiterten Sinne gebraucht werden:[5] Er bezieht sich dann nicht mehr darauf, welcher Kasus von einem Verb (oder Adjektiv, vgl. jemandem treu sein) regiert wird; stattdessen geht es hier um die Wahl der Präposition. Ein Verb wie verzichten beispielsweise regiert im Deutschen die Präposition auf (vgl. auf etwas verzichten), ein anderes Verb die Präposition an (z. B. an jemanden denken). Diese Präpositionen müssen von Deutschlernenden zusammen mit dem Verb eingeprägt werden; sie lassen sich nicht aus der Bedeutung der Präposition herleiten. Wird die Präposition dagegen in ihrer Eigensemantik gebraucht, hat sie keine fixe Relation zum Verb,[6] sondern ist – je nach intendierter Aussage – frei wählbar (vgl. Ich lege das Buch auf den Tisch, unter den Tisch). Ein Satzglied, das in der Umgebung eines Verbs steht, aber nicht vom Verb regiert wird, bezeichnet man als (Präpositional-)Adverbial. Dieses ist zu unterscheiden von einem Präpositionalobjekt, das dadurch gekennzeichnet ist, dass die Präposition vom Verb regiert wird. In dem konstruierten Beispielsatz Luise wartet auf der Strasse stellt die Wortgruppe auf der Strasse ein Präpositionaladverbial dar, in dem Satz Luise wartet auf ihren Freund ein Präpositionalobjekt. Im zweiten Fall wird die Präposition vom Verb regiert, im ersten Fall nicht. Und auch hier ist es möglich, zwei Wortgruppen zu kombinieren, von denen eine den Status eines Präpositionalobjekts hat und die andere ein Präpositionaladverbial darstellt (vgl. Luise wartet auf der Strasse auf ihren Freund).

Einzelnachweise

  1. Vgl. Dürscheid, Christa (2012): Syntax. Grundlagen und Theorien. Mit einem Beitrag von Martin Businger. 6., aktualisierte Auflage. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, S. 107.
  2. Vgl. Imo, Wolfgang (2016): Grammatik. Eine Einführung. Stuttgart: Metzler, S. 90.
  3. Vgl. Imo, Wolfgang (2016): Grammatik. Eine Einführung. Stuttgart: Metzler, S. 59.
  4. Vgl. Helbig, Gerhard / Schenkel, Wolfgang (1971): Wörterbuch zur Valenz und Distribution deutscher Verben. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Leipzig: VEB Bibliographisches Institut, S. 65.
  5. Vgl. Bußmann, Hadumod (2008): Lexikon der Sprachwissenschaft. 4., durchgesehene und ergänzte Auflage. Stuttgart: Kröner Verlag, S. 558.
  6. Vgl. Dürscheid, Christa (2012): Syntax. Grundlagen und Theorien. Mit einem Beitrag von Martin Businger. 6., aktualisierte Auflage. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, S. 40.

Weiterführende Literatur

  • Ágel, Vilmos (2000): Valenztheorie. Tübingen: Narr (= narr studienbücher).
  • Duden (2016): Die Grammatik. Unentbehrlich für richtiges Deutsch. 9., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage. Berlin: Dudenverlag (= Band 4).
  • Dürscheid, Christa (2012): Syntax. Grundlagen und Theorien. Mit einem Beitrag von Martin Businger. 6., aktualisierte Auflage. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
  • Imo, Wolfgang (2016): Grammatik. Eine Einführung. Stuttgart: Metzler.

Verfasst von Christa Dürscheid


Zurück zur Überblickseite Grundlagenartikel