Phraseologismen

Aus Variantengrammatik des Standarddeutschen
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Was sind 'Phraseologismen'?

Der Wortschatz einer Sprache umfasst neben Einzelwörtern auch feste Wortverbindungen, die wie komplexe Wörter wirken. Auf Wiedersehen!, ohne weiteres, an Stelle ((von/) einer Erklärung …), (etwas) in Ordnung bringen, fix und fertig, es zieht wie Hechtsuppe / wie in einem (/ im) Vogelhaus, (jemanden) auf die Palme bringen, an (jemandem/etwas) einen Narren gefressen haben oder in (des) Teufels Küche kommen sind solche Wortverbindungen. Sie sind im mentalen Lexikon von Sprechern des Deutschen als feste Einheiten gespeichert. Den Eindruck, dass sie jeweils aus mehr als einem Wort bestehen, bekommt man, wenn man sie geschrieben sieht. Deutlich ist etwa in an Stelle zwischen an und Stelle sowie in ohne weiteres zwischen ohne und weiteres ein Leerschlag zu erkennen. Die Grenze zu Wortbildungen, also Wörtern, die aus zwei (oder mehreren) vormals freien Wörtern bestehen, ist dabei häufig fließend. Dieser fließende Übergang spiegelt sich etwa in orthografischen (und arealen) Varianten: Neben an Stelle ist heute auch anstelle, neben ohne weiteres auch ohneweiters (v. a. in Österreich) und neben fix und fertig auch fixfertig (v. a. in der Schweiz und in Österreich) orthografisch korrekt. Den Eindruck, dass es sich bei solchen Wortverbindungen um lexikalische Einheiten handelt, verstärkt auch die Tatsache, dass es zu vielen dieser Verbindungen (Quasi-)Synonyme gibt, die aus einem Wort bestehen: (etwas) in Ordnung bringen ist etwa gleichbedeutend mit (etwas) ordnen, und (jemanden) auf die Palme bringen ist nahezu synonym zu (jemanden) erzürnen.

Solch feste Wortverbindungen werden als Phraseologismen (auch: phraseologische Verbindungen, Phraseme) bezeichnet. Sie zeichnen sich durch drei Merkmale aus: Polylexikalität, Festigkeit und Idiomatizität. Die ersten beiden Merkmale sind obligatorisch, das dritte Merkmal nicht:[1]

(a) Polylexikalität: Phraseologismen bestehen aus mehr als einem Wort. Als Untergrenze gilt also, dass ein Phraseologismus eine Verbindung aus mindestens zwei Wörtern ist, z. B. auf Wiedersehen! oder ohne weiteres; die Obergrenze bildet ein Satz, wie z. B. Es zieht wie Hechtsuppe. Zu den satzwertigen Phraseologismen werden Sprichwörter wie Aller Anfang ist schwer und satzförmige 'Geflügelte Worte' wie Das ist ((noch) nicht) der Weisheit letzter Schluss gezählt.

(b) Festigkeit: Phraseologismen sind Wortgruppen, die in einer mehr oder weniger festen Verbindung in der Sprachgemeinschaft bekannt und gebräuchlich sind. "Mehr oder weniger fest" heißt, dass der Austauschbarkeit von Konstituenten Grenzen gesetzt sind; wenn diese überschritten sind, gilt der Phraseologismus als ungewöhnlich oder als fehlerhaft gebraucht. So sind etwa die meisten Paarformeln auf eine bestimmte Reihenfolge festgelegt, obwohl die syntaktischen Regeln des Deutschen auch eine andere zuließen: Man sagt fix und fertig, aber kaum ?fertig und fix. (Das vorangestellte Fragezeichen markiert hier, dass es zweifelhaft ist, ob diese Form als grammatisch akzeptabel gelten kann.) Auch die Austauschbarkeit von lexikalischen Konstituenten ist oft sehr eingeschränkt. So wäre in der Paarformel fix und fertig denkbar, statt fertig auch das annähernd gleichbedeutende Wort vollendet zu verwenden. Es ist aber unüblich, ?fix und vollendet zu sagen. Ein anderes Beispiel: Unverständlich wäre es für Deutschsprachige, wenn jemand zu ihnen sagte *Er hat mich auf die Pinie gebracht statt Er hat mich auf die Palme gebracht. (Der Asterisk* markiert, dass diese Form als unakzeptabel gilt.) Ersetzt ein Sprecher das Substantiv Palme durch eine Bezeichnung für einen anderen Baum, so verstößt er gegen das Prinzip der Festigkeit bei diesem Phrasem – und wird im schlimmsten Fall eben nicht verstanden. Innerhalb bestimmter Grenzen ist Austauschbarkeit jedoch möglich. Bei Phraseologismen im Deutschen tritt etwa aufgrund regionaler Synonymik lexikalische Variation auf. Dazu zwei Beispiele: Auf Wiedersehen! ist die in den meisten Gebieten Deutschlands verbreitete Formel, die man verwendet, wenn man sich von Fremden verabschiedet; vor allem im Südosten des deutschsprachigen Raums und in der Schweiz ist in dieser Situation eher Auf Wiederschauen! üblich. Das Phrasem Es zieht wie Hechtsuppe ist fast nur in Deutschland gebräuchlich; in Österreich ist in der Vergleichsphrase eine andere Konstituente üblich: Es zieht wie in einem (/ im) Vogelhaus. – Das Schwanken zwischen einem 'Mehr' und einem 'Weniger' an Festigkeit wird insbesondere deutlich, wenn man die Möglichkeiten der Variation grammatischer Merkmale von Phraseologismen betrachtet. Darauf wird im übernächsten Abschnitt (3.) eingegangen.

(c) Idiomatizität bedeutet, dass die Verknüpfung der Wörter durch die semantischen und/oder syntaktischen Regularitäten der jeweiligen Einzelsprache (hier: des Deutschen) nicht vollständig erklärt werden kann. So kann man aus der Semantik von bringen und auf die Palme nicht auf die Bedeutung 'jemanden wütend machen' schließen, die mit der Verwendung von (jemanden) auf die Palme bringen verbunden ist. Genauso wenig lässt sich die Semantik 'etwas/jemanden sehr gern gewonnen haben' aus den Konstituenten einen Narren und fressen herleiten. An der Wortverbindung an (jemandem/etwas) einen Narren gefressen haben sind auch zwei syntaktische Irregularitäten zu beobachten. Erstens fordert das Verb fressen in freier Verwendung ein Subjekt und ein Akkusativobjekt, nicht aber – wie im Phraseologismus an (jemandem/etwas) einen Narren gefressen haben – ein Präpositionalobjekt. Zweitens ist der Phraseologismus auf zwei Tempusformen festgelegt, Perfekt und Plusquamperfekt; ein Satz wie *Er fraß an ihr einen Narren wäre wohl kaum akzeptabel.

Je nach Vorhandensein nur der ersten beiden oder aller drei Merkmale wird von 'Phraseologismen im weiteren Sinne' und 'Phraseologismen im engeren Sinne' gesprochen.[2] Als prototypische Phraseologismen im engeren Sinne gelten also idiomatische Phraseologismen wie (jemanden) auf die Palme bringen und an (jemandem/etwas) einen Narren gefressen haben. Phraseologismen im weiteren Sinne sind alle Wortverbindungen, die aus mindestens zwei Wörtern und höchstens einem Satz bestehen, über eine relative Festigkeit verfügen und nicht idiomatisch oder allenfalls teilweise idiomatisch sind. Zu diesen gehören typischerweise Routineformeln, wie z. B. Auf Wiederschauen!, adverbiale Ausdrücke, wie ohne weiteres, (sekundäre) präpositionale Ausdrücke, wie an Stelle ((von/) einer Erklärung …), viele Paarformeln, wie fix und fertig, phraseologische Vergleiche, wie es zieht wie im Vogelhaus, oder auch so genannte Funktionsverbgefüge, wie (etwas) in Ordnung bringen oder Ausführungen machen.

Eine besondere Gruppe von Phraseologismen: Funktionsverbgefüge

Funktionsverbgefüge (FVG) sind eine besondere Gruppe von Phraseologismen, die häufig in Grammatiken behandelt werden, da sie über eine charakteristische syntaktische Struktur verfügen und den in ihnen enthaltenen Verben eine "Spezialfunktion" zugeschrieben wird.[3] Deshalb sollen sie hier eigens – in Kürze – erläutert werden. FVG bestehen aus einem Substantiv, das von einem Verb oder einem Adjektiv ableitbar ist, z. B. Ausführungen, Antwort, Abschluss, Verlegenheit, sowie aus einem Funktionsverb. Zwar sind die Bedeutungen der Funktionsverben im Gegensatz zu den gleichlautenden Vollverben weitgehend verblasst, aber sie können immer noch eine bestimmte Aktionsart zum Ausdruck bringen, z. B. (jemanden in Verlegenheit) bringen (kausativ, d. h. eine Verursachung benennend), (in Verlegenheit) sein (durativ, d. h. einen Zustand benennend), (in Verlegenheit) kommen (inchoativ, d. h. eine Zustandsveränderung benennend). Hinsichtlich der syntaktischen Konstruktion werden zwei Typen von FVG unterschieden: Im einen Fall steht das Substantiv in einem vom Funktionsverb regierten Akkusativ, z. B. Ausführungen machen, Antwort geben. Im anderen Fall ist das Substantiv in eine präpositionale Wortgruppe eingebunden, z. B. zum Abschluss bringen/kommen, in Verlegenheit kommen. Für solche Verbindungen gelten grammatische Restriktionen, die ihre besondere Festigkeit bedingen und FVG daher von freien Substantiv-Verb-Verbindungen unterscheiden. Die wichtigsten sind:[4]

  • Das Substantiv ist nicht pronominalisierbar und nicht erfragbar: Das Gesetz kommt zum Abschluss. – aber: *Das Gesetz kommt dazu. *Zu wem/Wozu kommt das Gesetz?
  • Das Funktionsverb ist nicht durch ein anderes Verb, das dem homonymen Vollverb ähnlich ist, ersetzbar: Er gab ihr Antwort. – aber: *Er überreichte ihr Antwort.
  • Die Artikelsetzung ist (relativ) festgelegt: Er brachte den Schreibtisch in Ordnung. – aber: *Er brachte den Schreibtisch in die Ordnung.; Die Verhandlungen kamen zum Abschluss.?Die Verhandlungen kamen zu einem Abschluss. (Aber: Die Verhandlungen kamen zu einem befriedigenden Abschluss.)
  • Der Numerus des Substantivs ist festgelegt: Das Gesetz kommt zum Abschluss. – aber: *Das Gesetz kommt / Die Gesetze kommen zu (den) Abschlüssen.

Grammatische Variation bei Phraseologismen

Die Möglichkeiten grammatischer Variation bei Phraseologismen betreffen das Merkmal der Festigkeit. Dieses Merkmal ist, wie oben festgehalten wurde, ein relatives: Die Struktur von Phraseologismen ist mal mehr, mal weniger fest. Das war bereits bei der Frage der Austauschbarkeit von Konstituenten zu sehen. Hinsichtlich der grammatischen Merkmale führt die Festigkeit auf der einen Seite dazu, dass Phraseologismen Konstruktionen aus älteren Sprachstufen konservieren, die in freier Verwendung nicht mehr üblich sind, z. B. vorangestellte Genitivattribute, wie in in (des) Teufels Küche kommen, adverbiale Genitive, guten Mutes sein, veraltete schwache Flexionsformen, wie die Hölle auf Erden, oder unflektierte Formen von Adjektivattributen, wie in eitel Freude. Auf der anderen Seite sind Phraseologismen aufgrund ihrer Polylexikalität grundsätzlich stark anfällig für Variation. Deshalb können auch kompetenten Muttersprachlern Fehler bei der Produktion von Phraseologismen passieren, wenn sie nämlich ungewollt variieren; solche phraseologischen Versprecher und Verschreiber liefern der Psycho- und Neurolinguistik wichtige Hinweise über die mentale Verarbeitung von Phraseologismen.[5]

Was die nicht fehlerhafte Produktion von Phraseologismen betrifft, so wird zwischen okkasioneller und usueller phraseologischer Variation unterschieden:[6] Als okkasionelle phraseologische Variation (oder "Modifikation") gilt die gelegentliche bzw. spontan erfolgende Abänderung eines Phraseologismus zur Erzielung bestimmter kommunikativer Zwecke, etwa um Aufmerksamkeit zu erregen. (Beispiele aus der Werbung sind: Gegen Husten ist ein Kraut gewachsen aus einer Werbeanzeige für Kräuterhustenbonbons; Außen hui, innen wow aus einer Autowerbung; Jetzt können Sie Ihr süßes Wunder erleben aus einer Werbeanzeige für eine Limonade mit einem künstlichen Süßstoff.) Von usueller phraseologischer Variation spricht man dagegen, wenn im Sprachgebrauch verschiedene Varianten von Phraseologismen üblich sind. Beispiele für lexikalische Variation wurden schon oben in Abschnitt 1 gegeben. In grammatischer Hinsicht werden folgende Fälle von Variation bei Phrasemen unterschieden:[7]

(a) Variation im Numerus des Substantivs: jemand hat (bei etwas) seine Hand / Hände im Spiel.

(b) Variation in der Rektion des Verbs: jemand zuckt mit den Achseln / die Achseln; jemand ergreift jemandes / für jemanden Partei; jemand hält große Stücke auf jemanden / von jemandem; jemandem hängt etwas zum / beim Hals heraus.

(c) Variation in der Verwendung des (bestimmten bzw. unbestimmten) Artikels und ähnlicher determinierender Elemente: jemand trägt das / sein Herz auf der Zunge; etwas ist mit den / mit Händen zu greifen; jemand stellt jemandem das / ein Bein.

(d) Variation in der Verwendung des Diminutivs bzw. des Diminutivsuffixes: jemand würde jemandem kein Haar / Härchen krümmen; es hat jeder sein Packl / Packerl / Päckle / Päckchen zu tragen.

(e) Variation in der Art der Negation: jemand würde jemandem kein / jemandem nicht / niemandem / keinem ein Härchen krümmen (können).

(f) Variation in der Realisierung eines Deklinationsmorphems bei einem beteiligten Substantiv (v. a. bei der Verwendung von Dativ-e, Genitiv-s und Genitiverweiterung): jemandem hängt etwas zum Hals / Halse heraus; jemand macht viel Aufheben / Aufhebens von etwas; von Amts / Amtes wegen.

(g) Variation in der Realisierung (Kurz- bzw. Langform) eines Lokal- oder Direktionaladverbs: jemandem hängt etwas zum Hals heraus / raus.

(h) Variation in der Wahl der Präposition in einer Präpositionalphrase (v. a. an / auf): Urlaub am / auf dem Bauernhof; jemand hat etwas am / auf dem Kerbholz; auf / mit Bewährung; auf / zu Besuch kommen; zum / nach dem Rechten schauen.

Zu erwähnen ist hier auch die Variation zwischen der Verwendung einer phraseologischen Verbindung und einer bedeutungsgleichen Wortbildung, die eingangs bereits an einigen Beispielen illustriert wurde:

(i) Variation zwischen phraseologischer Verbindung und Wortbildung: ohne weiteres / ohneweiters; fix und fertig / fixfertig; zu Abend essen / abendessen.

Einzelnachweise

  1. Vgl. Burger, Harald (2010): Phraseologie. Eine Einführung am Beispiel des Deutschen. 4., neu bearbeitete Auflage. Berlin: Schmidt, S. 20–22.
  2. Vgl. Burger, Harald (2015): Phraseologie. Eine Einführung am Beispiel des Deutschen. 5., neu bearbeitete Auflage. Berlin: Schmidt, S. 14f.
  3. Vgl. Duden (2016): Die Grammatik. Unentbehrlich für richtiges Deutsch. 9., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage. Berlin: Dudenverlag (= Band 4), S. 421.
  4. Vgl. Helbig, Gerhard / Buscha, Joachim (2001): Deutsche Grammatik. Ein Handbuch für den Ausländerunterricht. Berlin u.a.: Langenscheidt, S. 87ff.; Duden (2016): Die Grammatik. Unentbehrlich für richtiges Deutsch. 9., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage. Berlin: Dudenverlag (= Band 4), S. 426.
  5. Vgl. Leuninger, Helen (1996): Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Gesammelte Versprecher. München: dtv.; Dies. (1998): Danke und Tschüs fürs Mitnehmen. Neue gesammelte Versprecher. München: dtv.
  6. Vgl. Elspaß, Stephan (1998): Phraseologie in der politischen Rede. Untersuchungen zur Verwendung von Phraseologismen, phraseologischen Modifikationen und Verstößen gegen die phraseologische Norm in ausgewählten Bundestagsdebatten. Opladen/Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, S. 152f.
  7. Weitgehend nach Fleischer, Wolfgang (1997): Phraseologie der deutschen Gegenwartssprache. 2., durchgesehene und ergänzte Auflage. Tübingen: Niemeyer, S. 205ff.

Weiterführende Literatur

  • Burger, Harald (2015): Phraseologie. Eine Einführung am Beispiel des Deutschen. 5., neu bearbeitete Auflage. Berlin: Schmidt.
  • Fleischer, Wolfgang (1997): Phraseologie der deutschen Gegenwartssprache. 2., durchgesehene und ergänzte Auflage. Tübingen: Niemeyer.

Verfasst von Stephan Elspaß


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