Genus

Aus Variantengrammatik des Standarddeutschen
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Vorbemerkungen: Genus und Sexus

Genus ist die Bezeichnung für das grammatische Geschlecht, Sexus bezeichnet das biologische Geschlecht.[1] Die meisten Substantive im Deutschen, die im Singular und Plural gebraucht werden können, haben ein festes Genus (vgl. aber zur Genusvariation Abschnitt 3). An das Genus werden gegebenenfalls Numerus- und Kasusflexive angepasst (z. B. das E-Mail → Gen. Sg.: meines E-Mails; die E-Mail → Gen. Sg.: meiner E-Mail). Auch für Adjektive, Artikelwörter und Pronomen ist die Kategorie Genus relevant – diese Wortarten können nach Genus flektiert werden, besitzen also ein variables Genus. Das Genus bei Substantiven ist zwar fest, aber nicht direkt am einzelnen Lexem erkennbar (indirekt nur am Gen. Sg., s. das Bsp. oben). Sichtbar wird das Genus dagegen bei Adjektiven, Artikelwörtern und Pronomen, für die gilt, dass sie mit dem Substantiv kongruieren (Muttereine oder die junge Mutter, meine Mutter). Anders ausgedrückt: Das Substantiv regiert das Genus zu ihm kongruenter Adjektive, Artikelwörter und Pronomen.[2]

Für die wenigen Substantive, die nur im Plural verwendet werden (z. B. die Leute, die Eltern), ist das Genus keine relevante grammatische Kategorie. Man unterscheidet drei Genera: Maskulinum (der Mann), Femininum (die Frau) und Neutrum (das Kind). In der Mann und die Frau stimmen Genus und Sexus überein, in der Mensch, das Fräulein und das Kind nicht. (Zwischenformen des biologischen und sozialen Geschlechts bleiben hier unberücksichtigt.) Ein biologisches Geschlecht kann nur Personen- und bestimmten Tierbezeichnungen zugeschrieben werden. Bei einigen Substantiven, die von Adjektiven abgeleitet sind, bestimmt das biologische Geschlecht des bzw. der Bezeichneten das Genus, z. B. der Abgeordnete, die Abgeordnete.

Wenn das Geschlecht der bezeichneten Menschen oder Tiere unbekannt ist oder wenn sowohl männliche als auch weibliche Vertreter gemeint sind, werden im Deutschen sogenannte 'generische Formen' verwendet. 'Generisch' bedeutet, dass das gewählte Genus nicht auf einen Sexus festgelegt ist, sondern beide biologischen Geschlechter umfasst. Sehr verbreitet ist das 'generische Maskulinum' bei Personenbezeichnungen: Mit der maskulinen Form bezieht man sich sowohl auf männliche als auch auf weibliche Personen. Will man explizit zum Ausdruck bringen, dass es sich bei der bezeichneten Person um eine weibliche handelt, muss man entweder ein anderes Ableitungssuffix verwenden (z. B. -euse statt -eur wie in der Friseur vs. die Friseuse) oder ein sogenanntes 'Movierungssuffix'. Am häufigsten gebraucht wird das Movierungssuffix -in (wie in die Lehrerin vs. der Lehrer). Bei umlautfähigen Vokalen im Wortstamm führt -in zum Umlaut, der damit eine weitere Markierung femininer Formen darstellt (wie in die Ärztin vs. der Arzt, die Köchin vs. der Koch). Ein Movierungssuffix, das nur bei Entlehnungen verwendet wird, ist -ess (wie in die Stewardess vs. der Steward). Bei Tierbezeichnungen tritt der umgekehrte Fall auf, dass es ein generisches Femininum gibt und die Bezeichnung eines männlichen Vertreters einer Gattung eines Ableitungssuffixes bedarf: -(e)rich (wie in der Gänserich vs. die Gans, der Enterich vs. die Ente). Eine Ausnahme bei den Personenbezeichnungen stellen die ganz wenigen Fälle dar, in denen ein Ableitungssuffix nötig ist, um die männlichen Vertreter zu benennen, z. B. -r, wie in der Witwer vs. die Witwe, oder das umlautauslösende Suffix -igam in der Bräutigam vs. die Braut. In diesen beiden zuletzt genannten Beispielen ist die feminine Form allerdings nicht generisch, d. h. Witwe und Braut umfassen nicht auch männliche Personen. – Die Verwendung generischer Genusformen wird meist sprachökonomisch begründet. Die feministische Sprachkritik fordert, im Sinne einer sprachlichen Gleichstellung der Geschlechter bei Personenbezeichnungen das Prinzip der Ökonomie hintanzustellen und zu 'gendern', also durchgehend feminine neben maskulinen Formen zu verwenden, z. B. durch Doppelformen wie Lehrerinnen und Lehrer.[3]

Beim weit überwiegenden Teil der Substantive spielt der Sexus jedoch für die Zuschreibung des Genus keine Rolle. Es sind in der Regel andere Faktoren, die für die Genuszuweisung relevant sind; diese werden im nächsten Abschnitt erläutert.

Regeln für die Genuszuweisung im Deutschen

Der Zuordnung eines Substantivs zu einem der drei Genera liegt kein eindeutiges Regelsystem zugrunde. Für das Deutsche existieren jedoch (a) semantische und formale Faktoren, die einigen (Daumen-)Regeln zugrundeliegen. Die formalen Faktoren lassen sich weiter in (b) morphologische und (c) lautliche differenzieren.[4]

(a) Semantische Faktoren: Bei Personen- und (Säuge-)Tierbezeichnungen im Deutschen ist es weitgehend der Sexus, der die Genuszuweisung steuert (s. Abschnitt 1). Bei Sachbezeichnungen haben sich im Sprachgebrauch verschiedene Regeln der Zuweisungen der Genera nach Bedeutungsfeldern herausgebildet. Allerdings lassen sich immer wieder Ausnahmen anführen. Es folgt eine Auswahl:

Maskulina:

  • Bezeichnungen für (besonders: hochprozentige) alkoholische Getränke: der Wein, der Schnaps, der Whiskey, aber: das Bier;
  • Bezeichnungen für Jahreszeiten und Monate: der Herbst, der Jänner, der August;
  • Namen von Bergen: der Brocken, der Ätna, der K2, aber: die Zugspitze, das Matterhorn;
  • Namen von Automarken: der Mercedes (SL), der Audi (500), der Roll Royce, aber: die Isetta (hier entscheidet das morphologische, vgl. das fremde Diminutivsuffix -etta, bzw. das lautliche Kriterium, vgl. auslautendes -a).

Feminina:

  • Bezeichnungen für Obstsorten: die Kirsche, die Ananas, die Kiwi, aber: der Apfel;
  • Bezeichnungen für Baumarten: die Birke, die Kiefer, die Linde, aber: der Ahorn;
  • Namen von Zigarettenmarken: die HB, die Marlboro, die (auch: eine!) Gauloise;
  • Namen von Schiffen, davon abgeleitet auch Namen von Luftschiffen und Flugzeugen: die Titanic, die Bremen, die (MS) Seestern; die Hindenburg, die Concorde, die Boeing, die A380, aber: der Dreamliner, der Airbus 380 (zu der Liner, der Bus; hier entscheidet das morphologische Kriterium, das weiter unten erläutert wird).

Neutra:

  • Bezeichnungen für chemische Elemente: das Gold, das Kupfer, das Strontium;
  • Bezeichnungen für Farben: das Gold, das Grün, das Magenta;
  • Namen von Hotels: das Adlon, das Holiday Inn, das König Ludwig; aber: der Bayerische Hof (zu der Hof);
  • Namen von Kinos: das Rex, das Capitol, das Cinemaxx.

Häufig lehnen sich die Genera von Substantiven in bestimmten Bezeichnungsfeldern an das Genus des Oberbegriffs an, z. B. bei den Namen für Berge (zu: der Berg), Zigaretten (die Zigarette), Kinos (das Kino bzw. das Lichtspieltheater). Die Genera von Kurzwörtern folgen i. d. R. dem Genus der zugrundliegenden Langfassung, z. B. der LKW zu der Lastkraftwagen, die DB zu die Deutsche Bahn. Dabei werden auch Pluralformen zu Genusformen umgedeutet, was sich an der Flexion begleitender Adjektivattribute und/oder am Numeruswechsel bei einem kongruierenden Verb zeigt, z. B. die österreichische ÖBB will ... (zu die Österreichischen Bundesbahnen wollen ...). Ein Name, der keine Person bezeichnet, kann durchaus verschiedene Genera haben, die Wahl des Genus gibt dann einen Hinweis darauf, um welche Sache es sich handelt, z. B. Lass uns ins König Ludwig gehen (Hotelname, neutrum) vs. Die König Ludwig havarierte auf der Donau (Schiffsname, femininum).

(b) Morphologische Faktoren: Hier sind verschiedene Arten der Wortbildung im Deutschen zu unterscheiden.

Bei einer Zusammensetzung aus zwei Substantiven ist es in der Regel das zweite, das die grammatischen Informationen enthält und auch das Genus an die Zusammensetzung vererbt, vgl. der Hauseingang (zu der Eingang, nicht zu das Haus), die Strumpfhose (zu die Hose, nicht zu der Strumpf), das Milchgesicht (zu das Gesicht, nicht zu die Milch) oder auch die Schrankwand vs. der Wandschrank.

Bei einer Ableitung gibt ebenfalls meist der letzte Bestandteil, das Suffix, einen Hinweis auf die Genuszuordnung. Das hängt bei einheimischen Substantiven damit zusammen, dass Suffixe in früheren Sprachstufen des Deutschen eigenständige Substantive mit eigenem Genus waren. Die daraus entstandenen Suffixe haben zwar ihre ursprüngliche lexikalische Bedeutung verloren, vererben aber das Genus an die neuen abgeleiteten Wörter. So geht das Suffix -schaft auf ein gleichlautendes eigenständiges Substantiv zurück (vgl. mittelhochdeutsch schaft 'Geschöpf, Gestalt'), das feminin war – also sind alle Substantive, die aus Ableitungen mit dem Suffix -schaft entstanden sind, feminin (z. B. die Freundschaft, Gesellschaft, Gefangenschaft).

Bei entlehnten Wörtern ist es häufig so, dass das Suffix schon in der Gebersprache ein Genus anzeigt und dieses ins Deutsche übernommen worden ist (z. B. die Pizza, der Karton zu ital. la pizza bzw. frz. le carton); teilweise wurde das Suffix dann erst im Deutschen mit anderen Wortstämmen verbunden, wobei sich an seiner genusanzeigenden Funktion nichts änderte (z. B. der Friseur). Auf das Deutsche bezogen ergeben sich zwischen den Ableitungsmorphemen und den Genera einige Regularitäten. Hier wieder eine Auswahl:

Maskulina sind fast alle Substantive,

  • die von Verben abgeleitet sind und endungslos sind:
    • der Wurf, der Halt, der Knall;
  • die auf das einheimische Suffix -ling enden:
    • der Lehrling, der Frischling, der Frühling;
  • die auf folgende entlehnte Suffixe enden und Personen bezeichnen:
    • -and/-ant: der Doktorand, der Dissertant, der Debütant;
    • -är: der Sekretär, der Funktionär, der Millionär;
    • -ent: der Absolvent, der Student, der Subskribent;
    • -et: der Interpret, der Athlet, der Poet;
    • -eur: der Coiffeur, der Gouverneur, der Friseur;
    • -ist: der Internist, der Terrorist, der Germanist;
    • -loge: der Kardiologe, der Biologe, der Virologe;
    • -or: der Kantor, der Autor, der Mentor.

Feminina sind fast alle Substantive,

  • die auf folgende einheimische Suffixe enden:
    • -ei: die Bäckerei, die Bücherei, die Mogelei;
    • -heit: die Krankheit, die Faulheit, die Vergangenheit;
    • -keit: die Dankbarkeit, die Fähigkeit, die Einsamkeit;
    • -schaft: die Freundschaft, die Gesellschaft, die Gefangenschaft;
    • -ung: die Umleitung, die Forschung, die Hoffnung;
  • die auf folgende entlehnte Suffixe enden:
    • -age: die Garage, die Blamage, die Etage;
    • -ät: die Pietät, die Rarität, die Fakultät;
    • -anz: die Toleranz, die Ignoranz, die Ambulanz;
    • -enz: die Karenz, die Präsenz, die Differenz;
    • -ie: die Poesie, die Kopie, die Agonie;
    • -ik: die Technik, die Germanistik, die Politik;
    • -ion: die Nation, die Funktion, die Million;
    • -ur: die Dressur, die Rasur, die Literatur.

Neutra sind fast alle Substantive,

  • die Sammelbezeichnungen sind und mit dem Präfix Ge- gebildet werden:
    • das Gestein, das Geäst;
  • die von Verben abgeleitet sind und mit dem Präfix Ge- oder dem Zirkumfix Ge-…-e gebildet werden:
    • das Gehör, das Geschoss, das Gerede; aber: der Gebrauch;
  • die aus umgewandelten ('konvertierten') Infinitivformen von Verben bestehen:
    • das Reden, das Lachen, das Weinen;
  • die auf folgende einheimische Suffixe enden:
    • -chen, -lein, -erl, -li und andere einheimische Diminutiv-Suffixe: das Märchen, das Städtchen, das Bächlein, das Fräulein, das Sackerl, das Müesli;
  • die auf folgende entlehnte Suffixe enden:
    • -ett: das Duett, das Menuett, das Falsett;
    • -il: das Ventil, das Projektil, das Fossil;
    • -ma: das Thema, das Drama, das Trauma;
    • -o: das Inferno, das Motto, das Kommando;
    • -ment: das Engagement, das Testament, das Dokument;
    • -um: das Museum, das Zentrum, das Unikum.

Daneben gibt es Fälle, in denen man Substantive aufgrund des Suffixes nicht eindeutig einem Genus zuordnen kann, aber eindeutig ein bestimmtes Genus ausschließen kann. So sind Substantive auf -nis entweder Feminina (die Erlaubnis, die Befugnis, die Erkenntnis) oder Neutra (das Ereignis, das Hindernis, das Zeugnis), aber nicht Maskulina. Substantive auf -tum können entweder Maskulina (der Irrtum, der Reichtum) oder – häufiger – Neutra (das Zentrum, das Heiligtum, das Beamtentum) sein, aber nicht Feminina.

(c) Lautliche Faktoren: Was lautliche Faktoren betrifft, lassen sich nur einige Tendenzregeln anführen. Dabei ist zwischen ein- und mehrsilbigen Substantiven im Deutschen zu unterscheiden.

Als wichtigste Regel bei den einheimischen Einsilblern gilt die Konsonantenhäufungsregel.[5] Sie besagt, dass bei einsilbigen Substantiven mit zunehmender Zahl von Konsonanten im Anfangs- und im Endrand die Wahrscheinlichkeit steigt, dass es sich um maskuline Substantive handelt. Ein solches Substantiv mit hoher Konsonantenhäufung wäre z. B. Strumpf mit je drei Konsonanten im Anfangs- und im Endrand des Worts. Daneben weisen bestimmte Lautverbindungen auf ein bestimmtes Genus. Die Konsonantenfolge Kn- im Wortanfang haben fast nur maskuline Substantive (der Knall, der Knast, der Knopf; Ausnahme: das Knie). Die Konsonantenfolgen -cht und -ft am Wortende deuten auf feminine Substantive (die Sicht, die Nacht, die Luft, die Haft, aber: das Licht, der Saft). Für einsilbige Substantive im Deutschen wurde festgestellt, dass sich immerhin 90% durch die Annahme solcher lautlichen Regeln erklären lässt "oder zumindest doch auf zwei Alternativen reduzieren lässt".[6]

Bei mehrsilbigen einheimischen Substantiven lässt vor allem die Beschaffenheit der unbetonten Endsilbe auf das Genus schließen. Substantive, die auf -e enden, sind meist Feminina (die Frage, die Rübe, die Blume; aber: der Knabe); Substantive, die auf -er enden, sind meist Maskulina (der Hammer, der Eimer, der Becher; aber: das Alter), ebenso Substantive, die auf -ig enden (der König, der Honig, der Essig; aber: das Reisig, neben der Reisig). Genuspräferenzen zeigen auch Mehrsilbler, wenn sie auf einen anderen unbetonten Vokal als das Schwa-e enden: -u deutet auf maskulines (z. B. der Uhu), -a auf feminines (die Villa) und -o auf neutrales Genus (das Kino).[7]

Semantische und morphologische Faktoren sind aber immer stärker als solch lautliche Faktoren. So sind (Böse-)Wicht, Knecht und Knabe nicht Feminina und Gigolo ist nicht Neutrum, weil diese Wörter Personen männlichen Geschlechts bezeichnen.

Genusschwankungen: Variation des Genus bei Substantiven im Deutschen

Gründe für Variation

Bei einheimischen Substantiven setzt die gegenwartssprachliche Variation z. T. eine solche Variation fort, die schon in älteren Sprachstufen des Deutschen bestanden hat (das / der Monat), oder sie spiegelt einen schon länger andauernden Prozess des Genuswandels (das / der Teller) (s. Genus bei einheimischen Substantiven). Bei Substantiven, die aus anderen Sprachen ins Deutsche entlehnt wurden, ist in der Entlehnungsphase häufig Variation zu beobachten. Das ist insbesondere dann der Fall, wenn Substantive aus Sprachen wie z. B. dem Englischen (vgl.Genus bei Anglizismen) entlehnt werden, die kein grammatisches Genus (mehr) haben, und zwei oder mehr genussteuernde Prinzipien miteinander konkurrieren. Im Folgenden werden drei Prinzipien genannt, die dabei im Wettbewerb stehen und auf den oben genannten Faktoren beruhen[8]: das 'Gestaltprinzip', das die Formseite in den Blick nimmt, das 'Leitwortprinzip', das auf einen Oberbegriff oder ein anderes semantisch mit dem Lehnwort verbundenes Wort abhebt, sowie das 'Prinzip des Quellgenus', das besagt, dass das Genus der Gebersprache übernommen wird, sofern diese ein grammatisches Genus kennt. (Das 'Gestaltprinzip' und das 'Prinzip des Quellgenus' betreffen formale Faktoren, das 'Leitwortprinzip' den semantischen Faktor, s. Abschnitt 2).

So ist beispielsweise bei einem Produktnamen wie Nutella, der im Sprachgebrauch allmählich zum Gattungsnamen wird, die Phase der Genusfestlegung noch nicht abgeschlossen: Nach dem Gestaltprinzip (auslautendes -a) läge Femininum nahe, ebenso nach dem Leitwortprinzip ('eine Schokocreme'). Dominiert nach dem Leitwortprinzip allerdings das Konzept 'ein Brotaufstrich', spricht das für Maskulinum. Nach einem weiteren semantischen Prinzip, der metonymischen Bedeutungsübertragung, wird vom Behältnis auf den Inhalt geschlossen; dies würde schließlich Neutrum nahelegen: das Glas Nutelladas Nutella. Im alltagssprachlichen Gebrauch kommen alle drei Varianten vor.[9] Bei Grappa kann die Konkurrenz zwischen dem Leitwortprinzip ('ein Schnaps'), dem Gestaltprinzip (-a) und dem Prinzip des Quellgenus (im Italienischen ist grappa feminin) die areale Variation von die / der Grappa erklären.

Art der Variation

In der Gegenwartssprache variiert das Genus in Abhängigkeit (a) von der Bedeutung des Substantivs, (b) von der Präferenz für ein Genus, das sich im Sprachgebrauch bestimmter Regionen des deutschsprachigen Raums herausgebildet hat, und (c) von der Formvariante des Substantivs, die ihrerseits areal variiert.[10]

zu (a): Genusvariation in Abhängigkeit von der Bedeutung begegnet bei etymologisch verwandten Wörtern, die sich semantisch auseinanderentwickelt haben, z. B. der Hut 'Kopfbedeckung' vs. die Hut 'Vorsicht', der Verdienst 'Lohn' vs. das Verdienst '(verdienstvolle) Leistung'. Sie tritt auch bei Entlehnungen auf, bei denen zwei (oder mehr) spezielle, häufig fachsprachliche Bedeutungen nebeneinander gebräuchlich geworden sind, z. B.: das Korpus (Plural: die Korpora) 'aufbereitete Beleg-/Textsammlung' vs. der Korpus (Plural: die Korpusse) 'a. die Christusfigur an einem Kruzifix, b. zentraler Teil eines Schrankmöbels', die Partikel (Plural: die Partikeln) 'unflektierbare Wortart' vs. das Partikel (Plural: die Partikel) 'sehr kleines Teilchen eines Stoffs' (vgl. auch die damit verbundene Variation in der Pluralbildung des Substantivs).

zu (b): Variation in Abhängigkeit vom arealen Gebrauch. Dieser Typus steht im Vordergrund der Darstellung in der Variantengrammatik. Im Unterschied zu den Beispielen in (a) liegen hier keine Bedeutungsunterschiede vor. Dieser Fall der Genusvariation ist z. T. auch im Variantenwörterbuch[11] erfasst und betrifft im Wesentlichen entlehnte Substantive[12], insbesondere das Genus bei Anglizismen. Beispiele sind: das vs. die (E-)Mail; das vs. der Spray; der vs. das Event.

zu (c): Einige Substantive treten in verschiedenen Formvarianten auf, die aber dieselbe Bedeutung haben (wie die Fälle unter (b)). Die verschiedenen Formvarianten gehen jedoch mit verschiedenen Genera einher. Ein auffälliges Beispiel sind Varianten mit auslautendem oder ohne auslautenden Schwa-Laut ((-) / -e bei Substantiven). So sind die zweisilbigen Formen Schnecke, Ratte und Akte feminin (Akte in der Bedeutung 'Sammlung von Unterlagen zu einem geschäftlichen oder gerichtlichen Vorgang'), die einsilbigen Varianten Schneck, Ratz und Akt dagegen maskulin; Letztere sind v. a. im Südosten (genauer: im dialektal ostoberdeutschen Teil) des deutschen Sprachgebiets gebräuchlich. Für die unterschiedliche Genuszuweisung sprechen lautliche Faktoren, im einen Fall das auslautende -e (→ tendenziell Femininum), im anderen Fall die Konsonantenhäufung in der einsilbigen Form (→ tendenziell Maskulinum). – Zu unterscheiden sind diese Fälle von Varianten mit verschiedener Bedeutung, wie in der Akt (in der Bedeutung 'Handlung') vs. die Akte; das Etikett vs. die Etikette. Hier liegen zwar ähnliche Etymologien vor, aber im Grunde handelt es sich um zwei inzwischen unterschiedliche Substantive.

Einzelnachweise

  1. Vgl. die Stichwörter "Genus" und "Sexus" in grammis 2.0. das grammatische informationssystem des instituts für deutsche sprache (ids); https://grammis.ids-mannheim.de/systematische-grammatik/2276 (4.12.2018).
  2. Vgl. Duden (2016): Die Grammatik. Unentbehrlich für richtiges Deutsch. 9., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage. Berlin: Dudenverlag (= Band 4), S. 157.
  3. Eine Übersicht über Formen zum "geschlechtergerechten Sprachgebrauch" bietet Duden (2016): Das Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle. Richtiges und gutes Deutsch. 8., vollständig überarbeitete Auflage. Berlin: Dudenverlag (= Band 9), S. 387–395.
  4. Vgl. Helbig, Gerhard / Buscha, Joachim (2001): Deutsche Grammatik. Ein Handbuch für den Ausländerunterricht. Berlin u.a.: Langenscheidt, S. 244ff.; Duden (2016): Die Grammatik. Unentbehrlich für richtiges Deutsch. 9., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage. Berlin: Dudenverlag (= Band 4), S. 163ff.
  5. "Konsonantenhäufungsprinzip" nach Köpcke, Klaus-Michael / Zubin, David (1996): Prinzipien für die Genuszuweisung im Deutschen. In: Lang, Ewald / Zifonun, Gisela (Hrsg.): Deutsch typologisch. Berlin: de Gruyter (= Jahrbuch des Instituts für Deutsche Sprache 1995), S. 473–491; hier: S. 476.
  6. Köpcke, Klaus-Michael / Zubin, David (2009): Genus. In: Hentschel, Elke / Vogel, Petra M. (Hrsg.): Deutsche Morphologie. Berlin: de Gruyter, S. 132–154; hier: S. 136.
  7. Köpcke, Klaus-Michael / Zubin, David (2009): Genus. In: Hentschel, Elke / Vogel, Petra M. (Hrsg.): Deutsche Morphologie. Berlin: de Gruyter, S. 132–154; hier: S. 137.
  8. Zu den Prinzipien und zum Beispiel vgl. Donalies, Elke (2008): Der, Die oder Das Nutella? Zum Genus von Produktnamen. In: Sprachreport 4/2008, S. 23–25.
  9. Vgl. http://www.atlas-alltagssprache.de/runde-4/f24a-g/ (1.7.2016).
  10. Zu (a) und (c) vgl. Helbig, Gerhard / Buscha, Joachim (2001): Deutsche Grammatik. Ein Handbuch für den Ausländerunterricht. Berlin u.a.: Langenscheidt, S. 250–251.
  11. Vgl. Ammon, Ulrich u.a. (Hrsg.) (2016): Variantenwörterbuch des Deutschen. Die Standardsprache in Österreich, der Schweiz, Deutschland, Liechtenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol sowie Rumänien, Namibia und Mennonitensiedlungen. 2., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Berlin/Boston: de Gruyter.
  12. Vgl. Schulte-Beckhausen, Marion (2002): Genusschwankung bei englischen, französischen, italienischen und spanischen Lehnwörtern im Deutschen: eine Untersuchung auf der Grundlage deutscher Wörterbücher seit 1945. Frankfurt a. M. u.a.: Lang.

Weiterführende Literatur

  • Corbett, Greville G. (1991): Gender. Cambridge: Cambridge University Press.
  • Corbett, Greville G. (2006): Gender, Grammatical. In: Brown, Keith (ed.): The Encyclopedia of Language and Linguistics. 2nd edition. Oxford: Elsevier, S. 749–756.
  • Duden (2016): Die Grammatik. Unentbehrlich für richtiges Deutsch. 9., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage. Berlin: Dudenverlag (= Band 4), S. 156–172.
  • Helbig, Gerhard / Buscha, Joachim (2001): Deutsche Grammatik. Ein Handbuch für den Ausländerunterricht. Berlin u.a.: Langenscheidt, S. 244–251.
  • Köpcke, Klaus-Michael (1982): Untersuchungen zum Genussystem der deutschen Gegenwartssprache. Tübingen: Niemeyer.
  • Köpcke, Klaus-Michael / Zubin, David A. (1983): Die kognitive Organisation der Genuszuweisung zu den einsilbigen Nomen der deutschen Gegenwartssprache. In: Zeitschrift für Germanistische Linguistik 11, S. 166–182.
  • Köpcke, Klaus-Michael / Zubin, David (1996): Prinzipien für die Genuszuweisung im Deutschen. In: Lang, Ewald / Zifonun, Gisela (Hrsg.): Deutsch typologisch. Berlin: de Gruyter (= Jahrbuch des Instituts für Deutsche Sprache 1995), S. 473–491.
  • Köpcke, Klaus-Michael / Zubin, David (2009): Genus. In: Hentschel, Elke / Vogel, Petra M. (Hrsg.): Deutsche Morphologie. Berlin: de Gruyter, S. 132–154.
  • Schulte-Beckhausen, Marion (2002): Genusschwankung bei englischen, französischen, italienischen und spanischen Lehnwörtern im Deutschen: eine Untersuchung auf der Grundlage deutscher Wörterbücher seit 1945. Frankfurt a. M. u.a.: Lang.

Verfasst von Stephan Elspaß


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