Artikelgebrauch

Aus Variantengrammatik des Standarddeutschen
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Allgemeine Bemerkungen zum Artikel

Artikel gehören zu den grammatischen Wörtern, d. h. sie haben keine inhaltliche Bedeutung, sondern nur eine grammatische Funktion. Die Mitglieder der Wortart Artikel sind durch folgende Merkmale gekennzeichnet:[1]

  • Sie kommen nur in Substantivgruppen vor, also in Wortverbindungen, deren Kern Substantive sind.
  • Ihre Stellung ist festgelegt, d. h. sie gehen entweder dem Substantiv voran (wie im Deutschen, z. B. der Mann) oder sie folgen ihm (vgl. skandinavische Sprachen, in denen der Artikel mit dem Substantivstamm verschmolzen ist, z. B. dän. mand-en 'der Mann'). Nur in Ausnahmefällen können in manchen Sprachen Artikel in beiden Positionen stehen (z. B. im Schwedischen, wenn vor dem Substantiv auch ein Adjektiv steht, wie in det stora hus-et 'das große Haus').
  • Ihr Auftreten ist in manchen grammatischen Kontexten obligatorisch, d. h. sie können nicht weggelassen werden. Im Deutschen muss ein zählbares Substantiv im Singular i. d. R. mit einem Artikel (oder einem Possessivpronomen oder dem Zahlwort ein) stehen, vgl. Sie sah die Frau / (s)eine Frau, aber nicht *Sie sah Frau; Er nahm den / (s)einen Stift in die Hand, aber nicht *Er nahm Stift in Hand. (Der Asterisk* markiert, dass diese Form als grammatisch inakzeptabel gilt.) Ausnahmen davon sind in bestimmten präpositionalen Wendungen (z. B. Ein Leben ohne (einen) Mops ist denkbar.)[2] oder in Phraseologismen (z. B. … wo sich Fuchs und Has’ gute Nacht sagen.) möglich.

Artikel gibt es nicht in allen Sprachen der Welt. So fehlen sie etwa in Sprachen wie Türkisch und Arabisch, die heute auch in den deutschsprachigen Ländern hohe Sprecher/innen/zahlen haben. Auch das Indogermanische hatte, soweit man heute weiß, keine Artikel. Artikel sind im Laufe der Sprachgeschichte erst aus anderen Wortarten entstanden. Mit vielen anderen Sprachen hat das Deutsche gemein, dass die bestimmten Artikel (der, die, das) aus Demonstrativpronomen und die unbestimmten Artikel aus dem (Kardinal-)Zahladjektiv ein/eine... entstanden sind.[3] Bis heute sind im Deutschen – anders als etwa im Englischen – die morphologischen Formen des bestimmten Artikels nicht von denen des Demonstrativpronomens (und auch nicht von denen des Relativpronomens) der/die/das zu unterscheiden; die Formen des unbestimmten Artikels und des Zahladjektivs ein- stimmen im Deutschen ebenfalls überein.[4]

Formen bestimmter und unbestimmter Artikel

Die Artikel im Deutschen sind deklinierbar (wie Substantive, Adjektive und Pronomen). Sie kongruieren mit dem Substantiv in einer Substantivgruppe (wie Adjektive und Pronomen auch), d. h., die Genus-, Kasus- und Numerusformen des Artikels werden an das Substantiv angepasst, dem sie zugeordnet sind. Im Gegensatz zu Adjektiven, die ebenfalls mit dem Substantiv auftreten, sind Artikel nicht steigerbar (ebenso wenig wie Pronomen). Im Plural weisen die bestimmten Artikel nur eine Differenzierung nach Kasus, nicht nach Genus auf. Unbestimmte Artikel haben keine Pluralformen. Die Tabellen 1 und 2 zeigen die Formen der Artikel im Deutschen im Überblick:

Kasus Mask. Sg. Fem. Sg. Neutr. Sg. Mask./Fem./Neutr. Pl.
Nominativ der die das die
Akkusativ den die das die
Dativ dem der dem den
Genitiv des der des der

Tabelle 1: Formen des bestimmten Artikels im Deutschen

Kasus Mask. Sg. Fem. Sg. Neutr. Sg. Mask./Fem./Neutr. Pl.
Nominativ ein eine ein --
Akkusativ einen eine ein --
Dativ einem einer einem --
Genitiv eines einer einem --

Tabelle 2: Formen des unbestimmten Artikels im Deutschen

Funktionen und Gebrauch bestimmter und unbestimmter Artikel

Die Artikel zählen zu den am häufigsten verwendeten Wörtern im Deutschen.[5]

Die zentrale semantisch-syntaktische Funktion von bestimmten und unbestimmten Artikeln im Deutschen ist, Definitheit (Bestimmtheit) bzw. Indefinitheit (Unbestimmtheit) anzuzeigen. Das sei am Gebrauch des unbestimmten und bestimmten Artikels illustriert: Durch die Verwendung des Artikels ein/eine... (oder des Zahladjektivs ein/eine...) bleibt ein Vertreter einer Gattung unbestimmt (ein Hund, eine Blume, ein Dessert). Dagegen zeigt der bestimmte Artikel der/die/das (oder ein Demonstrativum wie der/die/das, dieser/diese/dieses) einen aufgrund situativer oder kontextueller Umstände bestimmten Vertreter einer Gattung an (der Hund hier (und nicht der andere), die Blume da (auf die gedeutet wird), das Dessert von gestern (von dem die Rede war) usw.).[6]

Der unbestimmte Artikel wird im Deutschen also verwendet, wenn bei zählbaren Substantiven im Singular (zunächst) kein bestimmter Vertreter einer Gattung gemeint ist. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn dieser in einem Gespräch, einem Bericht oder einer Erzählung erst eingeführt wird: Ich habe eine Amsel gesehen. Gestern verunfallte ein Autofahrer. Es war einmal ein armes Mädchen. Auch Personennamen können in diesem Sinne mit einem unbestimmten Artikel verbunden werden: Ein Herr Müller ist für dich am Apparat! Bei einem prädikativen Substantiv steht der unbestimmte Artikel dann, wenn mit ihm "die Zugehörigkeit zu einer sozial etablierten und anerkannten Gruppe (Nationalität, Herkunft, Beruf, Funktion, Weltanschauung, Religion, gesellschaftlicher Status usw.) angegeben wird" und das Substantiv ein Attribut enthält, "das kein integraler Bestandteil der entsprechenden Zugehörigkeitsbezeichnung ist"[7], vgl. Sie ist eine bekannte Wissenschafterin vs. Sie ist österreichische Staatsangehörige.

Der Gebrauch des bestimmten Artikels im Deutschen ist – wie oben erwähnt – an bestimmte situative oder kontextuelle Umstände geknüpft; solche Gebrauchsbedingungen gelten zum großen Teil auch für die Verwendung von bestimmten Artikeln in anderen Sprachen.[8] Die wichtigsten dieser Bedingungen im freien Gebrauch des bestimmten Artikels sind:[9]

  • Vorerwähnung (mit Rückverweisung im Text/Gespräch): Gestern verunfallte ein Autofahrer auf der Brennerautobahn. Der 57-Jährige war stark alkoholisiert. (Der Referent des Ausdrucks Der 57-Jährige ist derselbe, der zuvor mit ein Autofahrer eingeführt wurde.)
  • Vorinformation: Was hat der Alkoholtest ergeben? (Man weiß, was ein Alkoholtest in diesem Zusammenhang bedeutet.)
  • Kennzeichnung durch Attribuierung: Ich kenne den Mann, der verunfallt ist, gut. (Es ist ein bestimmter Mann gemeint, nämlich der, der verunfallt ist.)
  • Sachliche Einmaligkeit: Die Sonne ging gerade auf, als der Unfall passierte. (Man geht davon aus, dass es nur eine Sonne gibt.)
  • Generalisierungen: Der Fahrer hatte tags vorher dem Alkohol gehörig zugesprochen. (Man weiß, dass mit dem Alkohol alkoholische Getränke gemeint sind, die eine bestimmte Wirkung verursachen.)

Zum gebundenen Gebrauch des Artikels gehören die Verwendung des bestimmten Artikels bei Länder- und Landschaftsnamen sowie die Festlegung auf einen – bestimmten oder unbestimmten – Artikel in Phraseologismen. In beiden Fällen kann der Gebrauch nicht durch grammatische Regularitäten des Deutschen erklärt werden. So ist beispielsweise der bestimmte Artikel in die Tschechische Republik durch die Attribuierung von Republik erklärbar; es zeigt sich hier die Regularität, Länder- und Gebietsnamen, die auf -ei enden, mit dem Artikel die zu verwenden (z. B. die Türkei, die Slowakei, die Walachei). Bei die USA und die Niederlande ist die Verwendung des Pluralartikels die durch den Plural motiviert, der den beiden Ländernamen inhärent ist und auch das kongruierende Verb in den Plural setzt (Die USA haben ...). Hingegen gibt es bei Namen wie der Irak, der Iran, der/das Kosovo oder der/die Peloponnes keine grammatische Regel des Deutschen, die den Artikelgebrauch steuert. Bei Phraseologismen zeigt sich der gebundene Gebrauch zum einen dadurch, dass in manchen phraseologischen Wendungen ein Artikel obligatorisch zu setzen ist (z. T. ist er mit einer Präposition verschmolzen), während er in anderen obligatorisch fehlt, z. B. (jemanden) auf die Palme bringen vs. auf __ gut Glück; oder zum / zu einem guten Abschluss bringen vs. etwas in __ Ordnung bringen. Zum anderen kommt die Gebundenheit dadurch zum Ausdruck, dass entweder der bestimmte oder der unbestimmte Artikel steht und diese nicht austauschbar sind, z. B. Er bringt mich noch auf die Palme, nicht: *Er bringt mich noch auf eine Palme; Er könnte niemandem ein Härchen krümmen, nicht: *Er könnte niemandem das Härchen krümmen.

Neben den semantisch-syntaktischen Funktionen übernimmt der bestimmte Artikel im Deutschen auch eine formale Funktion: Bei der grammatischen Beschreibung des Substantivs werden die Artikel der, die und das verwendet, um das grammatische Geschlecht eines Substantivs in seiner Grundform anzuzeigen: der Mann (Maskulinum), die Frau (Femininum) und das Kind (Neutrum; vgl. Genus).

(Areale) Variation im Gebrauch von Artikeln im Deutschen

Die Variation der Artikelverwendung im Deutschen bezieht sich (a) auf die An- oder Abwesenheit von Artikeln bei Substantiven im Singular, (b) auf die An- oder Abwesenheit von Artikeln bei Substantiven im Plural, selten auch (c) auf die Variation zwischen unbestimmtem und bestimmtem Artikel. Alle drei Arten der Variation treten zum großen Teil in Abhängigkeit von regionalen Gebrauchspräferenzen auf.

zu (a): Variation in Form einer An- oder Abwesenheit der Artikelsetzung bei Substantiven im Singular fällt im Deutschen besonders bei der Verwendung von Eigennamen auf. Da Eigennamen aus sich heraus definit sind – sie dienen dazu, Einzelnes unverwechselbar zu benennen –, stehen sie i. d. R. ohne Artikel. Bekannte Ausnahmen davon gibt es in zwei Fällen:

Im gesprochenen Deutsch schwankt der Gebrauch des Artikels sowohl bei Familien- als auch bei Vornamen: Müller / Der Müller hat gesagt, ...; Weiß jemand wo Anna / die Anna ist? Die Formen mit Artikel sind – in formellen wie in informellen Kontexten – weit verbreitet, allenfalls im Norden Deutschlands (noch) nicht üblich.[10] Im Süden des deutschsprachigen Gebiets finden sie jedoch auch in standardsprachlichen Texten vermehrt Verwendung.

Im Standard besteht Variation bei einigen Länder- und Landschaftsnamen, die mit oder ohne bestimmten Artikel verwendet werden (und z. T. auch im Genus schwanken können). Bei den Ländernamen sind es häufig jüngere Namen, die im Artikelgebrauch variieren: (der) Iran, Irak, Jemen, Kongo, Libanon, Niger, Oman, Senegal, Sudan, Tschad; (der/das) Kosovo. Zu den Landschaftsnamen mit areal schwankendem Artikelgebrauch gehören z. B. (das) Vorarlberg und (das) Tirol.

Abgesehen von diesen beiden Fällen ist der Artikelgebrauch bei Namen obligatorisch (und damit nicht variabel), wenn die Namen attribuiert sind (der alte Müller; die kleine Anna; ein Hans, wie wir ihn kennen; der frühere Iran; das schöne Vorarlberg) – es sei denn, sie stehen mit unflektiertem Adjektiv (In ganz Österreich und halb Deutschland ist das so.).[11]

zu (b): Bei einigen Phraseologismen variiert die Verwendung des Artikels bei einem Substantiv im Plural, z. B. jemandem wird es (grün und) blau vor den / vor __ Augen; etwas ist mit den / mit __ Händen zu greifen.

zu (c): Eine Variation zwischen unbestimmtem und bestimmtem Artikel tritt ebenfalls bei einigen Phraseologismen auf, z. B.: jemand stellt jemandem ein / (selten:) das Bein; an (jemandem/etwas) einen / (selten:) den Narren gefressen haben. Auch hier deuten sich regionale Präferenzen für die eine oder andere Variante an.

Einzelnachweise

  1. Vgl. Himmelmann, Nikolaus P. (2001): Articles. In: Haspelmath, Martin / König, Ekkehard / Oesterreicher, Wulf / Raible, Wolfgang (Hrsg.): Sprachtypologie und sprachliche Universalien. Ein internationales Handbuch. Band 1. Berlin/New York: de Gruyter (= HSK 20.1), S. 831–842; hier S. 832–833.
  2. Vgl. Duden (2016): Die Grammatik. Unentbehrlich für richtiges Deutsch. 9., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage. Berlin: Dudenverlag (= Band 4), S. 334.
  3. Vgl. Himmelmann, Nikolaus P. (2001): Articles. In: Haspelmath, Martin / König, Ekkehard / Oesterreicher, Wulf / Raible, Wolfgang (Hrsg.): Sprachtypologie und sprachliche Universalien. Ein internationales Handbuch. Band 1. Berlin/New York: de Gruyter (= HSK 20.1), S. 831–842; hier S. 834–838.
  4. Vgl. Duden (2016): Die Grammatik. Unentbehrlich für richtiges Deutsch. 9., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage. Berlin: Dudenverlag (= Band 4), S. 260, 303, 335–336.
  5. Vgl. König, Werner / Elspaß, Stephan / Möller, Robert (2015): dtv-Atlas Deutsche Sprache. 18., durchgesehene und korrigierte Auflage. München: dtv, S. 114–115.
  6. Schwinn, Horst (2005): Definitheit. In: Glück, Helmut (Hrsg.): Metzler Lexikon Sprache. 3., neubearbeitete Auflage. Stuttgart/Weimar: Metzler, S. 126.
  7. Vgl. Duden (2016): Die Grammatik. Unentbehrlich für richtiges Deutsch. 9., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage. Berlin: Dudenverlag (= Band 4), S. 333.
  8. Vgl. Himmelmann, Nikolaus P. (2001): Articles. In: Haspelmath, Martin / König, Ekkehard / Oesterreicher, Wulf / Raible, Wolfgang (Hrsg.): Sprachtypologie und sprachliche Universalien. Ein internationales Handbuch. Band 1. Berlin/New York: de Gruyter (= HSK 20.1), S. 831–842; hier S. 833.
  9. Aufzählung nach Duden (2016): Die Grammatik. Unentbehrlich für richtiges Deutsch. 9., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage. Berlin: Dudenverlag (= Band 4), S. 293–297.
  10. Vgl. Atlas zur deutschen Alltagssprache (AdA), Runde 9: http://www.atlas-alltagssprache.de/artikelnachname/, http://www.atlas-alltagssprache.de/artikelvorname/.
  11. Vgl. Duden (2016): Die Grammatik. Unentbehrlich für richtiges Deutsch. 9., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage. Berlin: Dudenverlag (= Band 4), S. 301.

Weiterführende Literatur

  • Bisle-Müller, Hansjörg (1991): Artikelwörter im Deutschen. Semantische und pragmatische Aspekte ihrer Verwendung. Tübingen: Niemeyer.
  • Duden (2016): Die Grammatik. Unentbehrlich für richtiges Deutsch. 9., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage. Berlin: Dudenverlag (= Band 4), S. 291–302, 331–339.
  • Heinrichs, Heinrich Matthias (1954): Studien zum bestimmten Artikel in den germanischen Sprachen. Gießen: Schmitz.
  • Himmelmann, Nikolaus P. (2001): Articles. In: Haspelmath, Martin / König, Ekkehard / Oesterreicher, Wulf / Raible, Wolfgang (Hrsg.): Sprachtypologie und sprachliche Universalien. Ein internationales Handbuch. Band 1. Berlin/New York: de Gruyter (= HSK 20.1), S. 831–842.
  • Hoffmann, Ludger (2007): Determinativ. In: Hoffmann, Ludger (Hrsg.): Handbuch der deutschen Wortarten. Berlin/New York: de Gruyter, S. 293–356.

Verfasst von Stephan Elspaß